Bezahl-App: Warum die Schweiz so gern twintet

Bezahl-App: Warum die Schweiz so gern twintet

Naters, ein Örtchen am Rand der Walliser Alpen. Es ist Wochenende, ab und zu schiebt sich ein Auto die Serpentine hoch, ansonsten ist nur das Gegacker von ein paar Hühnern zu hören. Ihre Eier kann man kaufen, ein paar Meter neben dem Freiluftgehege steht eine Kühlbox. Darin findet sich zwar auch eine kleine Kasse mit Münzen, aber für Menschen ohne Bargeld hat jemand einen laminierten Zettel mit QR-Code neben der Box befestigt: den Twint-Code.

Wer die Schweizer Bezahlapp nutzt, scannt also den Code, gibt den Betrag für die Eier ein und drückt auf Senden. Twint ist mit dem eigenen Konto verknüpft und bucht den Betrag dort ab. Ähnlich einfach funktioniert der Supermarkteinkauf mit der App: Die meisten Schweizer Händler verfügen inzwischen über die entsprechende Infrastruktur, und so kann man den spontanen Einkauf auch ganz ohne Portemonnaie per Twint erledigen, über das Scannen eines QR-Codes auf dem Display des Bezahlterminals. Oder essen gehen in einer großen Gruppe: Den Anteil an der Gesamtrechnung kann man der Freundin, die für alle bezahlt hat, einfach twinten. Dazu gibt man lediglich ihre Handynummer und den Betrag in die App ein – fertig.

Mobiles Bezahlen ist überall ein großes Thema. Auch wenn insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Barzahlung immer noch beliebt ist, wächst die Zahl der mobil getätigten Transaktionen in Europa stetig – in der Schweiz betrug der Anteil zuletzt um die fünf Prozent, während er 2017 noch praktisch bei null lag.

Doch abgesehen von diesem allgemeinen Trend weist die Eidgenossenschaft eine Besonderheit auf: Statt auf die Angebote globaler Tech-Riesen einzusteigen, entscheiden sich in der Schweiz die meisten Mobilzahler für Twint, eine App, die von nationalen Banken entwickelt wurde. Sie hat aktuell rund vier Millionen Nutzerinnen und Nutzer – bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 8,6 Millionen Einwohnern.

Einer Studie der Hochschule Luzern von 2020 zufolge beträgt der geschätzte Anteil von Twint am mobilen Bezahlmarkt der Schweiz etwa 75 Prozent. Auch andere Untersuchungen zeigen, dass Konkurrenten wie Paypal, Apple Pay oder Samsung Pay in dem Land nicht an den nationalen Anbieter heranreichen. Insbesondere bei Überweisungen zwischen Privatpersonen und bei Ladeneinkäufen ist Twint unangefochten die Nummer eins.

Eine vergleichbare Dominanz eines einzelnen Anbieters gibt es in den Nachbarländern Deutschland und Österreich nicht. Laut einer Yougov-Studie vom Sommer 2021 nutzen Schweizerinnen und Schweizer mobile Bezahlmöglichkeiten allgemein deutlich häufiger als ihre deutschen und österreichischen Nachbarn – und Twint mit Abstand am häufigsten (45 Prozent), während ihre Konkurrenten in der Schweiz wie auch in Deutschland und Österreich nur auf einstellige Prozentsätze kommen.

Wie kam es zu dieser Erfolgsgeschichte – noch dazu in einem Land, wo immer noch die Mehrheit der Zahlungen in bar abgewickelt werden? Ein Teil der Antwort steckt im Gründungsumfeld der App. Sie entstand 2014 als Tochterunternehmen der Bank Postfinance, die wiederum eine Tochter der Schweizer Post AG ist. Diese gehört zu 100 Prozent dem Staat und genießt deshalb vergleichsweise großes Vertrauen in der Bevölkerung. Die Verbindung zwischen Twint und einem bekannten Schweizer Betrieb mit staatlichem Versorgungsauftrag dürfte bis heute wirkmächtig sein.

Alle maßgeblichen Schweizer Banken bieten die App an

Heute ist die Postfinance längst nicht mehr die einzige an Twint beteiligte Bank. 2016 fusionierte das Startup mit Paymit, der etwa zeitgleich an den Start gegangenen Bezahl-App mehrerer Schweizer Banken. Während Twint sich auf das Bezahlen in Läden konzentriert hatte, setzte Paymit zunächst den Schwerpunkt auf Geldtransfers zwischen Privatpersonen. Die beteiligten Banken und Unternehmen machten aus den zwei Systemen nun eine Art Super-Bezahlapp, die fast alles kann: physischer Einkauf, Shopping im Internet und Transfer unter Freunden. Gleichzeitig beendeten die Unternehmen den innerschweizerischen Wettbewerb.

Heute gehört die Twint AG der Postfinance, den beiden Großbanken UBS und Credit Suisse, Raiffeisen, der Zürcher und der Waadtländer Kantonalbank, dem Finanzinfrastrukturunternehmen SIX und dem französischen Zahlungsunternehmen Worldline. Es war wohl nicht zuletzt dieser mächtige Schulterschluss, der Twint erfolgreich machte.

Mittlerweile bieten 20 Schweizer Banken die Verknüpfung ihrer Konten mit Twint an; 30 weitere Geldhäuser nehmen ohne eigene App teil. Der Clou insbesondere für jüngere Nutzerinnen und Nutzer: Ein einfaches Girokonto genügt bei der Registrierung, eine Kreditkarte wie bei vielen anderen Anbietern ist nicht nötig. Auch die Zahl der teilnehmenden Händler wächst, das Unternehmen spricht von “weit über 150 000 Verkaufsstellen” in der ganzen Schweiz.

Schließlich dürfte auch die Pandemie der App einen ordentlichen Schub verpasst haben. Gemäß der Schweizer Nationalbank hat Covid-19 die Veränderungen in der Zahlungsmittelnutzung beschleunigt: Bargeld wird demnach in der Schweiz weniger, bargeldlose Zahlungsmittel – darunter auch Bezahlapps – werden breiter akzeptiert.

Doch so erfolgreich die Nutzungsgeschichte von Twint ist, so fraglich ist die Profitabilität des Unternehmens. Denn die Nutzer bezahlen nichts für die Transfers, die sie über die App vornehmen. An all den Mini-Überweisungen zwischen den Nutzern verdient Twint also nichts. Das Geschäft liegt in der Beziehung zu den teilnehmenden Händlern, die für jede Transaktion einen gewissen Prozentsatz an Twint abliefern müssen – grundsätzlich 1,3 Prozent, allerdings sollen die Sätze Berichten zufolge häufig Verhandlungssache sein. Wie viel dabei herumkommt, veröffentlicht Twint nicht. Auf Anfrage gibt die Firma an, sich derzeit auf weiteres Wachstum zu konzentrieren. Man könne aber “sofort profitabel” sein, wenn man wollte.

Im vergangenen Jahr wurde zudem Unmut über Twint laut, weil es Händlern zufolge seine starke Marktstellung nutze, um überzogene Gebühren zu verlangen. Der Konzernchef von Twint verteidigte daraufhin das Geschäftsmodell der App: Man müsse die Gebührenfrage “in der korrekten Perspektive” sehen. Kleinen Händlern ohne Terminal ermögliche Twint erst, bargeldlose Zahlungen entgegenzunehmen.

Wie es weitergeht mit Twint, wird die Zukunft zeigen müssen. Womöglich könnte der Schweizer Super-App ihr Erfolg noch auf die Füße fallen – wenn sie ihre starke Position zu sehr ausnutzt und sich manche Händler dann doch lieber für eine Alternativen aus den USA entscheiden.

Reference-www.sueddeutsche.de

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