Verkehr: Bahn fährt Richtung Gewinnzone

Verkehr: Bahn fährt Richtung Gewinnzone

Wenn sich Konzernchef Richard Lutz an den Beginn der Pandemie erinnert, dann sind das Erinnerungen an eine Vollbremsung. Noch 2019 habe die Bahn im Fernverkehr mit mehr als 150 Millionen so viele Passagiere wie noch nie gehabt, sagte er kürzlich. Rekord! Und Anfang 2020 stiegen die Zahlen weiter an. Doch mit dem heftigen Corona-Ausbruch ab März änderte sich alles. Plötzlich blieben die Züge leer. Nur noch halb so viele Fahrgäste stiegen damals in die ICEs.

Die Folge waren Milliardenverluste und ein rasant wachsender Schuldenberg. Doch die Bahn hat nun offenbar einen Wendepunkt erreicht. Zum ersten Mal habe der Konzern in diesem März bei den verkauften Tickets sogar über dem Niveau vor Beginn der Corona-Krise gelegen, sagte Lutz. “Nicht viel, aber wir waren einen Schnaps drüber”, erklärte der Bahnchef am Donnerstag bei Vorlage der Jahresbilanz. Für den Konzernchef ist das ein hoffnungsvolles Signal: “Die Menschen wollen wieder Bahn fahren.”

Doch kaum normalisiert sich der wegen der Pandemie geschrumpfte Reiseverkehr, kämpft die Bahn auch schon mit den Folgen der nächsten Krise. Denn die Energiekosten – die wichtigsten Ausgaben des Unternehmens – steigen infolge des Kriegs in der Ukraine derzeit drastisch an. Nach den Autofahrern müssen sich damit nun auch die Bahnkunden fragen, wann die Tickets teurer werden. Doch fürs Erste gab das Unternehmen am Donnerstag Entwarnung. Die Bahn habe den Energieeinkauf für die nächsten Monate zu festen Konditionen abgesichert, sagte Finanzchef Levin Holle.

Noch drohen keine Preissprünge wie an den Zapfsäulen, weil die Bahn nun von einem hohen Anteil erneuerbarer Energien profitiert. Dem Konzern zufolge speist die Bahn ihren Energiebedarf bereits zu zwei Dritteln aus grünen Quellen. “Herr Putin hat Gott sei Dank keinen Einfluss auf Preise von Sonne und Wind”, sagte Lutz, schloss aber höhere Preise in Zukunft nicht aus. Auf lange Sicht könne sich die Bahn möglicherweise nicht von solchen Entwicklungen abkoppeln.

Die Bahn spielt eine zentrale Rolle für die neue Ampel-Koalition bei der geplanten Verkehrswende hin zur Klimaneutralität in Deutschland. Die Bundesregierung hat das Ziel ausgegeben, die Passagierzahl im Fernverkehr bis 2030 zu verdoppeln. Das soll für eine Reduzierung des Straßenverkehrs und damit auch für sinkende Emissionen sorgen. Dafür muss unter anderem das Schienennetz saniert und der Verkehr der Bahn weitgehend digitalisiert werden und fast automatisch ablaufen. Die Folge: Viele Baustellen und Verspätungen. Die Bahn kämpfe hier weiter mit Problemen, räumte Lutz ein. Zuletzt kamen im Fernverkehr 25 Prozent der Züge mit deutlicher Verspätung ans Ziel.

Trotz der auch im vergangenen Jahr oft leeren Züge hat die Bahn ihre Verluste reduziert. Allerdings nur, weil das Geschäft mit dem Straßen-, See- und Flugverkehr bestens lief. Die Logistik-Tochter Schenker fuhr wegen hoher Preise beim Transport von Gütern auch einen hohen Gewinn ein. Fast die Hälfte des gesamten Bahn-Umsatzes von 47 Milliarden Euro erwirtschaftete die Logistik-Tochter. Ihr Gewinn lag bei 1,3 Milliarden Euro. Der Verlust des gesamten Konzerns sank im zweiten Corona-Jahr von 5,7 Milliarden auf 900 Millionen Euro.

In der Bundesregierung waren zuletzt Stimmen laut geworden, die sich für eine Konzentration der Bahn auf das Schienengeschäft aussprachen und für einen Verkauf von Schenker warben. Dass die Tochter in schwieriger Zeit nun den ganzen Konzern stütze, spreche gegen einen Verkauf, räumte am Donnerstag ein Verkehrspolitiker der Ampelkoalition ein. Die Regierung stehe hier vor schwierigen Entscheidungen.

Insgesamt nutzten im vergangenen Jahr rund 82 Millionen Reisende die Fernverkehrszüge. Das waren etwa eine Million Passagiere mehr als noch im Jahr davor. Ein größeres Plus verhinderten der Bahn zufolge unter anderem die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz, die Strecken zerstörte, sowie die Streiks der Lokführer-Gewerkschaft GDL im vergangenen Sommer, die den Zugverkehr bundesweit zum Stillstand brachten.

Reference-www.sueddeutsche.de

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