Gas aus Russland: Drohen hilft der Wirtschaft nicht – ein Kommentar

Gas aus Russland: Drohen hilft der Wirtschaft nicht - ein Kommentar

Wenn die Industrie ihre Interessen auf politischer Ebene durchsetzen will, droht sie gern mit dem Verlust von Arbeitsplätzen. Oft genug verfehlte das in der Vergangenheit seine Wirkung nicht. Nun ist es eine mögliche Gas-Versorgungslücke, die in der Industrie panikartige Reaktionen auslöst. Vertreter der chemische Industrie sehen Hunderttausende von Arbeitsplätzen in Gefahr, BASF droht, seine Anlagen am Firmensitz in Ludwigshafen im schlimmsten Fall ganz herunterzufahren. Eins der größten deutschen Industriewerke steht lange still – mehr Schwarzmalerei geht kaum.

Horrorszenarien dürfen Firmen nicht dazu dienen, sich im Fall der Fälle vorzudrängeln, um doch noch an Gas zu kommen. Das käme einer Erpressung gleich. Auf ein solches Spiel darf sich die Bundesregierung nicht einlassen. Stattdessen muss die Industrie eine ganz andere Rolle einnehmen: Denn in den Unternehmen liegt die Lösung für das Gas-Dilemma. Sie wissen am besten, wie sie den Rohstoff einsparen und ersetzen können.

Die Lage ist durchaus ernst. Das machte diese Woche Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) klar, als er die erste Frühwarnstufe von drei Krisenstufen des Notfallplans Gas in Kraft setzte. Eine erste Stufe, die keine wirklichen Konsequenzen hat und vor allem mit dem Aufruf zum Energiesparen verbunden ist. Aktuell besteht kein Grund zur Panik, die Gasspeicher sind sogar zuletzt wieder leicht aufgefüllt worden.

Wichtig ist es, die Lage nüchtern zu analysieren und auf Basis verlässlicher Daten Pläne für den Ernstfall zu entwickeln. Die entscheidende Frage ist dann: Wer bekommt wie viel Gas? Bislang wird der Rohstoff, grob gesagt, zu einem Drittel in der Industrie, zur Hälfte zum Heizen und einem Sechstel in der Stromerzeugung gebrauch. Wobei sich Gas am ehesten wohl in der Stromerzeugung ersetzen ließe, durch Kohle. Letztendlich muss es eine politische Entscheidung bleiben, ob Menschen bei Knappheit weniger heizen oder Unternehmen ihre Produktion drosseln müssen.

Eine fast unlösbare Aufgaben ist es für die Politik, den Bedarf in der Wirtschaft richtig zu priorisieren. Sicher, Medikamente sind wichtiger als Duschgel, doch im Detail wird es schnell kompliziert. Vorprodukte stammen oft von den gleichen Lieferanten in der chemischen Industrie, und die verbraucht mit einem Anteil von 15 Prozent so viel Gas wie keine andere Branche. Hinzu kommt, dass deren Raffinerien sich nicht einfach so an- und abschalten lassen, aus technischen Gründen müssen sie am Laufen gehalten werden.

Derzeit bezieht die chemische Industrie nach eigenen Angaben 40 Prozent ihres Gases aus Russland. Das heißt, 60 Prozent stammen von anderen Lieferanten und dieser Anteil ist nicht gefährdet. Es dürften also nicht gleich alle Lichter ausgehen, wenn Russland ausfällt. Internationale Konzerne wie BASF wären vermutlich selbst dann nicht in ihrer Substanz gefährdet, wenn sie eine ihrer deutschen Anlage abschalten. Sie können an Standorten in anderen Ländern normal weiter produzieren, weil die Krise dort nicht spürbar ist. Firmen, die nur hier angesiedelt sind, haben diese Chance nicht.

Solche Beispiele zeigen, dass die Politik beim Priorisieren sogenannter systemrelevanter Wirtschaftszweige nur scheitern kann. Es sind die Unternehmen selbst, die am besten wissen, worauf sie verzichten können, was sie zu opfern bereit sind. Sie sollten der Politik Angebote machen, wie sie Gas einsparen wollen. Im Gegenzug kann der Staat Hilfsgelder anbieten und Anreize setzen, damit Firmen ihre Energieversorgung, auch zum Schutz des Klimas, schneller auf nachhaltige Quellen umstellen.

Es eine Frage der Solidarität, wie gut oder schlecht die Wirtschaft ein Krise verkraften kann. Zusammenhalt ist das wirksamste Mittel gegen einen russischen Präsidenten, der mit dem Druckmittel Gas Panik und Zwietracht streuen will. Das sollte ihm niemand durchgehen lassen.

Reference-www.sueddeutsche.de

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