Amazon-Mitarbeiter in den USA gründen erstmals einen Betriebsrat

Amazon-Mitarbeiter in den USA gründen erstmals einen Betriebsrat

Es war ein Ereignis, wie es in einem Industrieland irgendwo auf dem Globus beinahe täglich passiert: Arbeitnehmer wählen einen Betriebsrat, um erstmals oder wie schon bisher ihre Interessen zu bündeln und sie gemeinsam gegenüber der Unternehmensleitung zu vertreten. So weit, so normal also. Außer es handelt sich bei dem in Rede stehenden Land um die größte Industrienation der Welt – und der betroffene Konzern heißt Amazon.

Jahrelang nämlich hatte der Online-Riese in seinem Heimatmarkt USA jedwede Gründung einer Arbeitnehmervertretung erfolgreich verhindert, indem er seine Mitarbeiter mit Zugeständnissen für sich einnahm, Belegschaften einschüchterte oder aber Aktivisten schlicht feuerte. Trotz allen Widerstands ging diese Strategie nun erstmals nicht mehr auf: Mit 55 Prozent sprachen sich die knapp 4800 Beschäftigten des Logistikzentrums JFK8 im New Yorker Stadtbezirk Staten Island, die sich an der Abstimmung beteiligten, dafür aus, Verhandlungen mit der Geschäftsleitung künftig gemeinsam zu führen. Die Interessenvertretung soll den schlichten Namen Amazon-Gewerkschaft, kurz ALU, tragen.

Es ist ein Erfolg, dessen Tragweite man kaum überschätzen kann. Das gilt zunächst einmal für Amazon selbst, das Giga-Unternehmen des Selfmade-Milliardärs Jeff Bezos, das in aller Welt mit Gewerkschaften und Arbeitnehmeraktivisten im Clinch liegt, unter anderem auch in Deutschland. Vorstandschef Andy Jassy, der die Geschäftsführung vor neun Monaten vom Firmengründer übernommen hatte, muss sich nun darauf einstellen, dass sich Mitarbeiter weiterer Logistikzentren oder gar ganz anderer Konzernbereiche in den USA von den Kolleginnen und Kollegen auf Staten Island inspirieren lassen und versuchen werden, sich der ALU anzuschließen. Mit rund einer Million US-Beschäftigten ist Amazon hinter dem Einzelhandelsriesen Walmart der zweitgrößte Arbeitgeber der Vereinigten Staaten.

Auch Konzerne wie Starbucks verfolgen die Ereignisse bei Amazon genau

Aber auch andere Großunternehmen des Landes dürften die Geschehnisse in New Yorks oft vergessenem Stadtbezirk mit größter Aufmerksamkeit – und Besorgnis – verfolgen. Die Kaffeehauskette Starbucks etwa kämpft ebenfalls seit Jahren gegen alle Versuche von Mitarbeitern an sich gewerkschaftlich zu organisieren. Das Hauptargument ist dabei immer das gleiche, ganz egal ob es sich um ein Handels- und Logistikunternehmen, eine Restaurantkette oder einen vermeintlich hippen Tech-Konzern handelt. Die Beschäftigten brauchen demnach schlicht keine Gewerkschaft, weil sie mit ihren Sorgen und Nöten ja direkt zur Firmenleitung kommen könnten. Oder wie Amazon es in der Stellungnahme zur Gründung der ALU ausdrückte: “Wir sind enttäuscht über den Ausgang der Abstimmung auf Staten Island, weil wir glauben, dass es für unsere Beschäftigten am besten ist, wenn sie eine direkte Beziehung zum Unternehmen unterhalten.”

In den Ohren mancher Mitarbeiter dürfte das durchaus zynisch klingen, denn Amazon, Starbucks und viele andere Konzerne genießen in den USA den zweifelhaften Ruf, nur so lange ein offenes Ohr für ihre Mitarbeiter zu haben, wie diese der offiziellen Marschroute nicht widersprechen. Als etwa der JFK8-Lagerarbeiter Christian Smalls vor zwei Jahren während der Arbeitszeit eine kurze Protestversammlung vor der Firmenhalle organisierte, um für sich und seine Kolleginnen und Kollegen im Logistikzentrum bessere Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus zu verlangen, warf ihn Amazon kurzerhand raus. Smalls, der später wiedereingestellt werden musste, revanchierte sich jetzt, indem er federführend an der Gründung der ALU mitwirkte. Nach Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses überzog er Bezos – im Zweitjob auch Eigner und Passagier des Raumfahrtunternehmens Blue Origin – mit Spott: “Wir danken Jeff Bezos dafür, dass er ins All geflogen ist, denn während er dort oben war, haben wir hier Unterschriften gesammelt”, sagte Smalls.

Vorstandschef Jassy hat viele Möglichkeiten, die Neu-Gewerkschafter auszubremsen

Allerdings könnte den Neu-Gewerkschaftern die gute Laune in den kommenden Wochen und Monaten noch vergehen, denn Amazon wird alles daran setzen, ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Die Konzernführung hat bereits angekündigt zu prüfen, ob sie beim Nationalen Amt für Arbeitsbeziehungen (NLRB) Beschwerde gegen das Abstimmungsergebnis einlegen kann. Der Vorwurf: Das NLRB, eine Regierungsbehörde, die Arbeitnehmer bei der Durchsetzung ihrer gesetzlichen Rechte unterstützt, habe die Wahl in unzulässiger Weise beeinflusst. Auch der Klageweg steht Amazon offen – im Zweifel bis zum Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof des Landes. Und selbst wenn Jassy auf juristische Mittel verzichten sollte, bleiben ihm zahlreiche Möglichkeiten, den Abschluss eines ersten Tarifvertrags mit der ALU auf Jahre hinauszuzögern.

Hinzukommt: Die Abstimmung auf Staten Island ging zwar zugunsten der Arbeitnehmeraktivisten aus, das Ergebnis war mit 55 Prozent aber nicht berauschend. Zudem lehnten die Beschäftigten eines Logistikzentrums in Alabama beinahe zeitgleich die Gründung eines Betriebsrats offenbar mehrheitlich ab. Das liegt auch daran, dass Amazon trotz aller Berichte über teils haarsträubende Arbeitsbedingungen und Sicherheitsmängel als vergleichsweise attraktiver Arbeitgeber gilt. So zahlt das Unternehmen seit 2018 einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde, neu eingestellte Mitarbeiter erhalten nun sogar angeblich 18 Dollar. Das ist deutlich mehr als viele andere Dienstleister offerieren.

Andererseits gibt es da eine Zahl, die Gewerkschaftsskeptiker bei Amazon ins Grübeln bringen könnte: Wie der Konzern am Freitag bekannt gab, erhielt der neue Firmenchef Jassy 2021 eine Jahresvergütung von mehr als 212 Millionen Dollar – 6 500 Mal so viel wie ein mittlerer Amazon-Mitarbeiter, der knapp 33 000 Dollar nach Hause brachte.

Reference-www.sueddeutsche.de

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