Arbeitsmarkt: Jobwunder in der Doppelkrise

Arbeitsmarkt: Jobwunder in der Doppelkrise

Man hat sich schon daran gewöhnt, aber eigentlich ist es sensationell: Corona vermiest Wirten, Reiseveranstaltern, Fluggesellschaften und vielen anderen immer noch das Geschäft, jetzt kommen auch noch explodierende Energiepreise dazu – aber die Leute behalten ihre Jobs. Der deutsche Arbeitsmarkt trotzt zwei Krisen gleichzeitig. Fachleute rechnen sogar damit, dass in diesem Jahr noch Hunderttausende zusätzlich eingestellt werden. Trotz neuer Corona-Welle und Ukraine-Krieg ist die Arbeitslosigkeit fast so niedrig wie vor Beginn der Pandemie.

Das mögen viele Bürger mittlerweile für selbstverständlich halten, doch das ist es keineswegs. Schon gar nicht in einem Land, das 30 Jahre lang die Massenarbeitslosigkeit bedrückte, in dem seit Anfang der 1980er mit jeder Wirtschaftskrise weitere Menschen ohne Stelle hinzukamen, scheinbar unaufhaltsam. In dem politisch allerlei Rezepte dagegen ausprobiert wurden. 25 Jahre lang ohne durchschlagenden Erfolg, bis zur Rosskur der damaligen rot-grünen Bundesregierung, der Agenda 2010.

Auch das Modell Kurzarbeit hat Grenzen

Ein Teil des jüngsten Erfolges ist teuer erkauft. Die Bundesregierung hat die Menschen aufgefangen mit ihrem großzügigen Angebot des Kurzarbeitergeldes. Die Beschäftigten konnten ihre Stellen retten, selbst wenn nichts zu tun war, die Betriebe konnte ihre Fachkräfte behalten, der Staat bezahlte alles statt für das ansonsten fällige Arbeitslosengeld aufzukommen. Das war richtig – und sehr kostspielig. Allein im vergangenen Jahr kostete die Kurzarbeit gut 20 Milliarden Euro, seit Beginn der Pandemie türmt sich eine Rechnung auf mehr als 44 Milliarden.

Wie lange soll es noch so weitergehen? Genau diese Frage wird sich stellen, wenn die Energiepreise weiter steigen, wenn der Strom russischen Gases versiegen sollte und Chemieunternehmen, Metallfabriken oder Düngemittelhersteller den Betrieb stilllegen müssen. Irgendwann stößt auch das Modell Kurzarbeit, das eine neue Massenarbeitslosigkeit so geräuschlos verhindert hat, an seine finanziellen Grenzen. Ob es soweit kommt, ist freilich unklar. Bisher gilt: Es läuft erstaunlich gut.

Das Jobwunder in der Krise geht aber nicht nur auf die Kurzarbeit zurück. Natürlich hat es weitere Ursachen: Volle Auftragsbücher etlicher Unternehmen etwa, niedrige Zinsen, Corona-Auflagen, die schrittweise gelockert werden, Menschen, die Geld gespart haben – und endlich wieder shoppen, reisen und ausgehen wollen. Doch das ist nicht alles. Ein Blick in andere EU-Länder ist lehrreich. Auch dort erholt sich die Wirtschaft wieder, auch Schweden, Franzosen oder Österreicher kehren zurück in ein postpandemisches Leben. Doch sie verzeichnen einen deutlich höheren Arbeitslosenanteil als Deutschland. Die Bundesrepublik mischt an der Spitze mit, hinter Tschechien und Polen.

Das Hartz-System ist bei den Bürgern unpopulär, liefert aber Erfolge

Dies hat viel damit zu tun, wie Deutschland mit seinen Arbeitslosen umgeht. Wie Jobcenter und Arbeitsagenturen sie betreuen, weiterbilden, vermitteln und auch fordern. Es zeigt sich gerade: Dieses System bewährt sich nicht nur bei schönem Wetter, in Zeiten kräftigen Wirtschaftswachstums. Es besteht auch die aktuelle Bewährungsprobe einer Doppelkrise aus Pandemie und Energiepreisschock.

Das sogenannte Hartz-System, das den Rahmen dafür bildet, ist bei vielen Bürgern unpopulär geblieben. Trotz der offensichtlichen Erfolge, die es mit hervorgebracht hat – beim Abbau der Arbeitslosigkeit, aber auch bei der Schaffung neuer Stellen, ein Großteil davon übrigens reguläre, sozialversicherte Jobs. Trotz der wiederholten Korrekturen, die diverse Koalitionen daran zu Recht vorgenommen haben. Es gilt Kritikern als Zumutung, denjenigen, die ohnehin schon ihre Arbeit verloren haben und nun Staatshilfe beziehen, Einsatz abzuverlangen für den Weg zu einer neuen Stelle. Teile des Ampel-Bündnisses wollen dieses “Regime” noch immer “überwinden”.

SPD, Grüne und FDP haben in ihrem Koalitionsvertrag verabredet, das bestehende Hartz-System in einem Bürgergeld aufgehen zu lassen, mit weniger Sanktionen, längeren Fristen, mehr Großzügigkeit. Die Erfahrungen der jüngsten Krisen sind eine Mahnung, die Reform behutsam anzugehen. Auch das Bürgergeld wird nur funktionieren, wenn der Staat den Empfängern hilft und zugleich zur Mitarbeit verpflichtet. Ein Modell, das so vielen zu Arbeit verholfen hat, sollte nicht entkernt werden.

Reference-www.sueddeutsche.de

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