Schweiz: Firmen meiden das Wort Krieg

Schweiz: Firmen meiden das Wort Krieg

Magdalena Martullo-Blocher gehört zu den bekanntesten Frauen in der Schweiz. 52 Jahre alt, erfolgreiche Unternehmerin, milliardenschwer – und auch noch einflussreiche Politikerin im Nationalrat, der großen Kammer des Schweizer Parlaments. Ihren berühmten Vater Christoph Blocher, Übervater der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), hat man da noch gar nicht erwähnt.

Er ist auch eher nebensächlich in dem Skandal, der vor Kurzem um Martullo-Blocher und ihr Unternehmen Ems-Chemie publik wurde: Nach Recherchen der Schweizer Wochenzeitung (Woz) hat Martullo-Blocher ihre Spitzenmitarbeiter in einer internen Mail vom 14. März angewiesen, “ab sofort und bis auf Weiteres” von “Ukraine-Konflikt” zu sprechen. Das Wort “Krieg” sei nicht zu verwenden. Die Begründung: “Dies zum Schutz unserer Mitarbeiter und unseres Geschäfts.” Übereinstimmend berichtete auch die Zeitung Südostschweiz.

Martullo-Blochers Äußerungen sind das nächste Kapitel in der jüngst aufgeflammten Neutralitätsdebatte in der Schweiz. Das Land hatte die Sanktionen der EU unter Verweis auf seine Neutralität zunächst nur teilweise und erst mit Verzögerung vollständig übernommen. Noch jetzt gibt es Zweifel daran, ob die zuständigen Stellen die Strafmaßnahmen ordnungsgemäß umsetzen. Indes müssen sich auch Schweizer Unternehmen zunehmend die Frage gefallen lassen, wie sie mit ihren Geschäftsbeziehungen nach Russland verfahren. Der für die Schweiz bedeutsame Rohstoffhandel mit Russland geriet in den Fokus. Inmitten dieser Debatten und der sich verschlimmernden Kriegsgräuel hat sich nun also eines der wichtigsten Schweizer Chemie-Unternehmen für sprachliche Neutralität entschieden. Wie das?

Der Generalsekretär der Ems-Chemie beantwortet eine Anfrage der SZ mit zwei knappen Zeilen: “Unseres Wissens nach können Personen, welche von einem ‘Krieg’ sprechen, in Russland politisch verfolgt werden. Darüber haben wir unsere Mitarbeitenden informiert.”

Dazu muss man wissen: Ems-Chemie ist ein Unternehmen mit Sitz in Graubünden, das sehr erfolgreich Hochleistungskunststoffe herstellt, etwa für die Automobilindustrie. Seit Martullo-Blochers Einstieg als Vorstandschefin 2004 hat sich das Geschäft glänzend entwickelt, auch in den vergangenen Jahren verbuchte Ems-Chemie trotz Krise in der Autobranche hohe Gewinne. Nur: Russland spielt im Gesamtgefüge der Firma gar keine besondere Rolle. Von den insgesamt 2600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nur 60 an den beiden russischen Standorten in Nischni Nowgorod und Jelabuga beschäftigt. Wie die Zeitung Südostschweiz unter Berufung auf einen Ems-Sprecher berichtet, beträgt der in Russland erwirtschaftete Umsatz nur rund ein Prozent, und derzeit sei das Geschäft ohnehin zusammengebrochen. Viel scheint es in Russland also gar nicht zu geben, was man über eine Sprachregelung schützen müsste – und was die Sicherheit der lokalen Mitarbeiter angeht, hätte es wohl genügt, dort den Kriegsbegriff zu tilgen. Eine entsprechende Frage lässt Ems-Chemie jedoch unbeantwortet.

Die Firma scheint indes nicht die einzige in der Schweiz zu sein, die sich mit deutlichen Aussagen zum Krieg zurückhält. Wie der Tages-Anzeiger zuerst berichtete, fehlt auch im Jahresbericht von Schienenfahrzeughersteller Stadler das Wort Krieg. In dem am 15. März veröffentlichten Bericht ist durchgehend die Rede von einem “Russland-Ukraine-Konflikt”. Dieser tangiert das Unternehmen durchaus, denn es unterhält ein Werk im ebenfalls sanktionierten Belarus. Derzeit habe Stadler keine Fahrzeugaufträge aus Russland, heißt es im Bericht, lediglich Serviceaufträge für früher gelieferte Züge in Moskau und St. Petersburg. Wie eine Sprecherin auf Anfrage versichert, gebe es bei Stadler keine Sprachregelung in Bezug auf den Krieg in der Ukraine. Was die Wortwahl im Jahresbericht angeht, verweist sie auf den frühen Redaktionsschluss. Und hinsichtlich möglicher künftiger Geschäftsbeziehungen mit Russland halte Stadler sich “strikt an sämtliche Sanktionen”.

Credit Suisse macht kein Neugeschäft mehr in Russland

Viele andere Schweizer Unternehmen sprechen in ihren Mitteilungen eindeutig von “Krieg” oder “Invasion”, so die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse. Letztere hat vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass sie ihr Neugeschäft in Russland gestoppt habe und ihr vorhandenes Engagement reduzieren werde. UBS kündigte diesen Schritt bereits Anfang März an.

Auch der Nahrungsmittelhersteller Nestlé, zuletzt mehrmals direkt von der ukrainischen Regierung für sein Russland-Geschäft kritisiert, schreibt in Mitteilungen von einem in der Ukraine “tobenden Krieg”. Zunächst hatte Nestlé lediglich die “nicht grundlegenden Importe und Exporte” aus und nach Russland gestoppt. Inzwischen liefert das Unternehmen eigenen Angaben zufolge nur noch Nahrungsmittel für Babies und Krankenhäuser.

Barry Callebaut, bedeutender Schokoladenproduzent mit Sitz in der Schweiz, teilt mit, man habe “keine internen Sprachregelungen für den Krieg in der Ukraine”. Die drei Fabriken in Russland laufen derzeit jedoch weiter, man wolle die Menschen weiterhin mit Schokolade versorgen, so ein Sprecher.

Andere Schweizer Firmen ziehen sich lieber komplett aus Russland zurück – darunter der Zementkonzern Holcim, der Süßwarenhersteller Lindt & Sprüngli oder das Sanitärunternehmen Geberit.

Reference-www.sueddeutsche.de

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