Beispiel Gerresheimer: Warum die Glasindustrie ein Embargo so fürchtet

Beispiel Gerresheimer: Warum die Glasindustrie ein Embargo so fürchtet

Dietmar Siemssen führt ein Unternehmen, das außergewöhnliche Öfen betreibt: Sie laufen in der Regel jahrelang am Stück. Und heizen nicht auf 180 Grad wie mancher Backofen, sondern auf stolze 1650 Grad. Siemssens Firma Gerresheimer stellt Glas her, das beispielsweise für Impfstoff-Fläschchen oder Parfüm-Flakons eingesetzt wird. Die Schmelzöfen stehen beispielsweise in Essen im Ruhrgebiet, in Lohr am Main oder Tettau in Oberfranken.

Damit zählt Gerresheimer zu jenen Industrien, die sich dieser Tage große Sorgen machen: Glaswerke und Chemiefabriken, Stahlwerke und die Papierbranche verbrennen bislang Unmengen an Erdgas, um die hohen Temperaturen und den Dampf für ihre Prozesse zu erzeugen. Deutschland importierte zuletzt den Großteil seines Gases aus Russland. Doch praktisch mit jedem Kriegstag in der Ukraine wird die Forderung lauter, dass die Republik kein russisches Gas mehr kaufen sollte.

Siemssen zählt aber auch zu jenen Managern, die einen drohenden Gas-Lieferstopp für sein Unternehmen im kommenden Winter am liebsten ausschließen wollen. “Auch wenn die gesamte Industrie gerade darüber diskutiert: Für Gerresheimer ist ein Stopp oder Drosselung der Gas-Lieferungen nur ein theoretisches Szenario”, sagt der 58-Jährige. “Gerresheimer ist systemrelevant.”

Doch gerade weil viele Firmenchefs diese Ansicht vertreten, wirkt ein Lieferstopp so kompliziert. Ein Notfallplan des Bundes schreibt vor, dass die Heizungen von Privatleuten sowie soziale Einrichtungen wie etwa Krankenhäuser im Zweifelsfall Vorrang hätten vor dem Gas-Bedarf der Industrie. Die Bundesnetzagentur will nun mit verschiedenen Branchen eruieren, wie viel Gas diese einsparen könnten. Zudem bemüht sich der Bund um mehr Flüssiggas (LNG) aus anderen Staaten, um unabhängiger von Russland zu werden.

Siemssen verweist in der Diskussion darauf, dass Gerresheimer zum Großteil Verpackungen für Medikamente und Spritzen sowie Inhalatoren oder Insulin-Pens produziert. Dafür verarbeitet das Unternehmen vor allem Kunststoff und Glas. “Ich sage es einmal ganz plakativ: Ohne die Gerresheimer würden Operationen ausfallen”, so Siemssen, “und Patienten kriegen ihre Medikamente nicht.”

Sollten Öfen ausgehen, drohe Glas zu erstarren, Schmelzwannen könnten brechen, so die Sorge

Das kann allerdings nicht jeder Glashersteller behaupten. Die Branche mit etwa 56 000 Beschäftigten in Deutschland produziert beispielsweise auch Fenster, Lebensmittel-Behälter oder Glaswolle. Allerdings eint die Betriebe die Sorge um ihre Öfen, die Sand oder Altglas schmelzen. Wenn dieser Prozess stockt, drohen Tonnen geschmolzenen Glases zu erstarren, Wannen könnten brechen, warnt der Bundesverband Glasindustrie (BV Glas). “Es entsteht eine Brand- und Explosionsgefahr im Glaswerk.” Der Verband fordert daher, dass die Branche zumindest etwa 70 Prozent der übliche Gas-Menge benötige, damit ihre Wannen keinen Schaden nehmen.

Wenn man eine Glaswanne kontrolliert herunter- und wieder hochfahre, dauere das Monate, sagt Siemssen. “Ein sofortiger Gasstopp mit schnellem Herunterfahren würde die Wanne komplett unbrauchbar machen.” Damit wäre dann auch die Frage verbunden, ob die Wanne jemals wieder an der gleichen Stelle aufgebaut würde, sagt der Gerresheimer-Chef, “oder ob die Arbeitsplätze in eine andere Region abwandern.”

Die energieintensive Industrie spürt seit Monaten, dass große Gas-Speicher in Deutschland vergleichsweise schwach gefüllt waren. Gleichzeitig ist die Nachfrage weltweit gestiegen, da sich viele Wirtschaftszweige von der Corona-Krise erholt haben. In der Folge sind die Gas- und Strompreise im Großhandel in Europa stark gestiegen. So warnten Glaswerke schon vor dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine, dass ihre Energiekosten aus dem Ruder laufen und sie Verluste einfahren.

Internationalisierung, Spezialisierung: Firmen können die Energiekrise überstehen

Das Beispiel Gerresheimer zeigt auch, wie sich Firmen davor schützen können: Die Düsseldorfer sind international vertreten – mit Werken auch in Lateinamerika oder Asien, wo keine Sorge vor einem russischen Lieferstopp grassieren. Sie kaufen Energie teils Jahre im Voraus ein. Und sie haben sich auf Nischen konzentriert, in denen sie höhere Kosten leichter an die Kundschaft weiterreichen können als auf internationalen Massenmärkten.

So war Gerresheimer, gegründet 1864 im heutigen Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim, einst ein großer Hersteller von Bier- und Wasserflaschen. Doch seit den Neunzigerjahren hat sich das Unternehmen auf Spezial-Verpackungen wie beispielsweise Spritzen konzentriert. So ist Gerresheimer – neben Schott aus Mainz und Stevanato aus Italien – einer der weltgrößten Hersteller jener Fläschchen, in die Impfstoffe gefüllt werden.

Gegen steigende Energiekosten habe sich die Firma im vergangenen Jahr “längerfristig abgesichert”, sagt Siemssen, “wir haben damit Planungssicherheit – auch für unsere Kunden.” Für die ersten drei Monate dieses Geschäftsjahrs meldet Gerresheimer einen gut zehn Prozent höheren Betriebsgewinn als im Vorjahreszeitraum. Bleibt also “nur noch” die Frage, ob das Gas auch im kommenden Winter fließen wird.

Historisch gesehen sind viele Glaswerke an Orten mit viel Holz entstanden, der einst als Brennstoff für die Öfen diente. Mittlerweile hat Erdgas in weiten Teilen das noch klimaschädlichere Erdöl als Energieträger der Branche abgelöst. Die Zukunft soll sogenannten Hybrid-Wannen gehören, die mit viel mehr Strom und langfristig mit Wasserstoff betrieben werden. Das schont das Klima, wenn der Wasserstoff mit viel Ökostrom gewonnen wird.

Doch der Wandel braucht Zeit. “In Belgien haben wir bereits eine Glaswanne, die mit 100 Prozent Strom betrieben wird”, sagt Siemssen. “Die erste Hybrid-Wanne haben wir in Tettau, die nächste folgt 2023 in Lohr.” Für den Gasverbrauch könnte sie Gold wert sein.

Reference-www.sueddeutsche.de

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