Die Gewerkschaften können Krise

Die Gewerkschaften können Krise

Die Gewerkschaften verfolgt bis heute ein böses Klischee. Demnach sind sie diejenigen, die mit roten Fahnen am Werkstor stehen, die Belegschaften aufwiegeln und den Betrieb blockieren, um höhere Löhne herauszuschlagen – koste es, was es wolle. Sie nehmen keine Rücksicht, schon gar nicht auf die Unternehmer, die sich in ihren Augen ja ohnehin nur die Taschen füllen.

Gerade in diesen Tagen werden solche Zerrbilder immer wieder beschworen. Mancher Ökonom, mancher Kommentator wärmt genüsslich die alte Geschichte aus den 1970er-Jahren auf, als die Inflation infolge der Ölkrise schon einmal in schwindelnde Höhen stieg, so wie jetzt wieder nach Putins Überfall auf die Ukraine. Einige Gewerkschaften warfen damals ihre ganze Kampfkraft in die Waagschale und setzten als Ausgleich für die Preissteigerungen teils zweistellige Lohnabschlüsse durch. Damit heizten sie die Inflation weiter an, denn die Firmen sahen sich wegen der höheren Lohnkosten gezwungen, auch ihre Preise zu erhöhen. Am Ende hatten beide Seiten den Schaden: Die Wirtschaft brach ein, und die Arbeitslosigkeit wuchs.

An dieser unrühmlichen Episode gibt es nichts schönzureden, und doch zeigen die jüngsten Tarifabschlüsse: Die alte Geschichte ist eben nicht mehr als eine alte Geschichte. Man muss Gewerkschaften wie Arbeitgebern in diesen Krisenzeiten ein Lob aussprechen. Gemeinsam finden sie Lösungen, die sowohl den Beschäftigten als auch den Firmen weiterhelfen.

Da wäre erstens der Abschluss bei den privaten Banken: Die Angestellten bekommen 500 Euro extra als Sofortmaßnahme gegen die Krise, in diesem und im nächsten Sommer gibt es außerdem Lohnerhöhungen von insgesamt fünf Prozent. Noch etwas mehr erhalten die Auszubildenden, die am wenigsten verdienen und die höheren Preise daher besonders stark spüren dürften.

Noch wichtiger, weil für die Wirtschaft insgesamt bedeutsamer, ist die Einigung in der Chemie- und Pharmaindustrie. Dort war die Lage besonders kompliziert. Die Chemiegewerkschaft IG BCE hatte im Winter selbstbewusst einen vollen Inflationsausgleich gefordert, entsprechend hoch waren die Erwartungen der Beschäftigten. Doch der Ukraine-Krieg erwischte Gewerkschaften wie Arbeitgeber kalt: Die Inflation sprang auf 7,3 Prozent, die Energiekrise stürzte die Firmen in große Ängste. Und keine Branche in Deutschland ist so abhängig von russischem Gas wie die Chemie; sie benötigt es nicht nur in großen Mengen als Energieträger, sondern auch als Rohstoff für wichtige Zwischenprodukte wie Ammoniak und Methanol.

Der Konflikt erschien kaum zu lösen: Wie sollte man die Beschäftigten stützen, die deutlich weniger im Portemonnaie haben, gleichzeitig aber die Unternehmen schonen? In zwei komplizierten Verhandlungsrunden ersannen die Tarifparteien schließlich einen vorbildlichen Kompromiss: Die Beschäftigten bekommen eine üppige Einmalzahlung von 1400 Euro für die nächsten sieben Monate. Das entspricht 5,3 Prozent eines Durchschnittsgehalts und gleicht damit einen großen Teil der Teuerung aus. Gleichzeitig nimmt der Abschluss Rücksicht auf die Firmen, sie müssen sich in diesen unsicheren Tagen nicht zu dauerhaften Lohnerhöhungen verpflichten. Eine Einmalzahlung kann außerdem keine Lohn-Preis-Spirale anheizen, so viel zum Schreckgespenst aus den 1970ern.

Die durch Putins Krieg ausgelöste Unsicherheit ist irgendwann passé

580 000 Beschäftigte sind es, die nun von dem Abschluss profitieren, aber seine Bedeutung reicht weit darüber hinaus. Im Herbst starten die Runden in der Metall- und Elektroindustrie und im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen. Dann geht es um die Gehälter von sieben Millionen Arbeitnehmern. Sollten Krieg und Krise bis dahin andauern, hätte die Chemie ein Modell geliefert, wie damit umzugehen ist.

Genauso wichtig aber ist: Die durch Putins Krieg ausgelöste Unsicherheit der Energieversorgung ist irgendwann passé. Dann muss es wieder um dauerhafte, maßvolle Lohnerhöhungen gehen. So will es auch die IG BCE. Das ist berechtigt, da die Inflation vielleicht sinken, aber nicht verschwinden wird. Sollten sich die Arbeitgeber verweigern, müssen die Gewerkschafter vielleicht doch irgendwann wieder mit roten Fahnen am Werkstor stehen.

Reference-www.sueddeutsche.de

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