Zeitarbeit: Schicht per App

Zeitarbeit: Schicht per App

Für Marina Gebert war von Anfang an klar, dass sie arbeiten würde neben dem Studium. Sie lebt in München, die Wohnungen sind teuer, die Zugtickets zu ihrer Hochschule in Neu-Ulm auch. Also suchte sie sich einen Nebenjob. “Aber das war nicht ganz einfach mit den wechselnden Stundenplänen”, erzählt die 33-Jährige. In manchen Wochen hat sie auch nachmittags Zeit, dann wieder geht es nur am Wochenende. Mal ist Prüfungsstress, dann arbeitet sie gar nicht. In den Semesterferien kann sie dafür wieder ganz oft. “Die meisten Jobs kriegt man so nicht”, sagt Gebert. “Die Arbeitgeber wollen feste Zeiten.”

Unternehmen können mit Flexibilität schlecht umgehen, weil sie den Überblick verlieren. Sie brauchen aber dringend Leute. Und die Leute, in diesem Fall Studierende, brauchen einen flexiblen Job, können aber den Arbeitsmarkt schlecht überblicken. “Ich bin fest davon überzeugt, dass es einen Dritten braucht, der das managt”, sagt Eckhard Köhn. Er ist Chef von Jobvalley, einer Zeitarbeitsfirma, die besser unter ihrem alten Namen Studitemps bekannt ist. Jobvalley ist Deutschlands größte digitale Plattform rund um flexible Jobs für Studierende und Absolventinnen und Absolventen. Mehr als 10 000 arbeiten jeden Monat für das Kölner Unternehmen, das sie wiederum an Arbeitgeber wie die Klinikkette Helios, das Kundencenter der Commerzbank oder die Baumarktkette Bauhaus weiterreicht.

Geberts nächste Schicht ist am Wochenende bei Bauhaus. Was sie genau tun wird, weiß sie noch nicht, vielleicht das Lager aufräumen oder die Regale nachfüllen. Jetzt zum Beginn der Gartensaison braucht Bauhaus auch viele Menschen in der Gärtnereiabteilung, da hat Gebert schon vorher mal die Pflanzen gegossen. “Ich bin gespannt”, sagt sie. “Da werden bestimmt viele Leute kommen und Fragen zu den Pflanzen stellen, und da habe ich nicht so viel Ahnung.” Sie beantwortet die Fragen, so gut sie kann, meistens geht es sowieso nur darum, in welchem Regal man irgendwas findet. Und das weiß sie ja meist.

Unternehmen wie Bauhaus haben einen wechselnden Bedarf an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, das Geschäft schwankt saisonal. Vom Messeaufbau bis zum Weihnachtsmann – für viele Jobs lohnt es sich für Unternehmen nicht, feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzustellen. Die großen Zeitarbeitsunternehmen wie Adecco, Manpower oder Randstad haben sich eher darauf spezialisiert, Zeitarbeiter in Vollzeit für mehrere Wochen oder sogar Monate in Betriebe zu schicken. Für flexible Jobs wie die, die Gebert braucht, gab es wenig Organisation. Was half, war lange Zeit das schwarze Brett auf dem Campus. In den vergangenen Jahren sind mehr und mehr auch die Unternehmen der sogenannten Gig Economy hinzugekommen, also etwa die Taxi-Alternative Uber oder Essenslieferdienste, die zeitlich befristete Aufträge an Arbeitssuchende, Freiberufler, geringfügig Beschäftigte oder Studierende vergeben.

Zeitarbeit war oft auch moderne Ausbeutung

Jobvalley will gleich zwei Arbeitsmärkte revolutionieren: die Zeitarbeit und die Gig Economy. Flexible Arbeit soll besser werden für die Unternehmen, die Kurzzeithilfe brauchen, und für junge Arbeitskräfte, die bei Jobvalley angestellt werden und so, wie Köhn es formuliert, “eine Stimme gegenüber dem Unternehmen haben”https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/.”In Deutschland hat die Zeitarbeit so einen schlechten Ruf”, sagt er. Schließlich wurden Menschen manchmal über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt, machten aber über lange Zeiträume hinweg die gleiche Arbeit wie Festangestellte zu schlechteren Bedingungen und mit weniger arbeitsrechtlichem Schutz – moderne Ausbeutung. Dann gab es aber gesetzliche Änderungen, die selbst Zeitarbeitsfirmenchef Köhn gut findet. “Es ist einfach nicht richtig, das unternehmerische Risiko, dass es mal Dellen bei der Nachfrage gibt, auf die Mitarbeiter auszulagern”, sagt er. “Es braucht Zeitarbeit, aber modernisiert.”

Es ist eine riesige Branche, die Köhn sich vorgenommen hat. In den eineinhalb Jahren bis Juni 2021 waren laut Statistischem Bundesamt im Durchschnitt 784 000 Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer in Deutschland sozialversicherungspflichtig oder ausschließlich geringfügig beschäftigt – das entspricht einem Anteil von 2,1 Prozent an der Gesamtbeschäftigung. Die Zeitarbeitsbranche hat zunächst unter den Pandemiefolgen sehr gelitten. Kaum jemand wollte noch Zeitarbeiter buchen, schließlich waren die eigenen Mitarbeiter in Kurzarbeit. Doch seit Ende 2020 ging es wieder aufwärts. Das ist wichtig für viele Menschen, für die Zeitarbeit ein Sprungbrett in feste Beschäftigungsverhältnisse ist. 75 Prozent der Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit heraus eine Beschäftigung in der Zeitarbeit aufgenommen haben, sind sowohl nach sechs als auch nach zwölf Monaten sozialversicherungspflichtig beschäftigt, teilweise auch in anderen Branchen. Noch ist die Zeitarbeit allerdings kaum digitalisiert. Zeitarbeiter können nur im Ausnahmefall per digitaler Plattform feststellen, welche Unternehmen wann Bedarf für ihre Arbeitskraft haben. Marktbeobachter wie die Beratungsfirma PWC erwarten, dass sich das ändert.

“Irgendwie macht die Abwechslung auch Spaß.”

Gebert studiert Ga­me-Pro­duk­ti­on und Ma­nage­ment, es geht also um Computerspiele von der Idee bis zur Vermarktung. Sie ist technikaffin und findet es darum sehr praktisch, dass sie ihre Schichten komplett per App buchen kann. Am Anfang jeden Monats plant sie, wann sie Zeit hat zu arbeiten. Dann schaut sie in der Jobvalley-App, welche Angebote es gibt und wie viel Euro sie pro Stunde verdienen kann. Sie war schon öfter bei Bauhaus, hat aber auch schon in einem großen Kaufhaus die Regale eingeräumt, in einem Fitnessstudio am Empfang gesessen und bei einer Messe die Stände aufgebaut, meist für 13 bis 15 Euro pro Stunde. Das kann sogar mehr sein, als die Festangestellten bekommen. Konflikte gab es trotzdem nie. “Die Kolleginnen waren immer sehr froh, dass ich da war, weil meistens so wahnsinnig viel zu tun war und offene Stellen nicht besetzt werden konnten.”

Hinzu kommt: Da die Stammbelegschaft in einer sich wandelnden Arbeitswelt von ihren Arbeitgebern Flexibilität verlange, bräuchten diese mehr und mehr Menschen, die einspringen, etwa bei “Elternzeit-Ersatz, Sabbaticals, Shared-Jobs, kurzfristigen Projekten, Auftrags-Peaks”, sagt Köhn. Eigentlich ist seine Vision, Jobs für alle Führungsebenen zu vermitteln, vom Studenten bis zum Topmanager. “Eigentlich sind wir viel zu klein”, sagt der Jobvalley-Chef. Das gleiche Geschäftsmodell würde auch für Menschen funktionieren, die kleine Kinder betreuen und sich nach der Elternzeit eine langsame Rückkehr in den Arbeitsmarkt wünschen. Oder “Silver-Ager”, wie Köhn sagt, also ältere Menschen, die nicht mehr Vollzeit arbeiten wollen oder können und sich etwas dazuverdienen wollen oder müssen. “Und es gibt auch Menschen, die verschiedene Jobs erst einmal ausprobieren wollen, bevor sie sich fest bewerben”, sagt Köhn. “Früher war die Sichtweise auf Arbeit eine andere, man wollte unbedingt etwas Festes. Heute will man vielleicht erst mal sehen, ob der Job in einem Großkonzern wirklich etwas für einen ist und nicht doch lieber das Start-up.” Köhn will trotzdem, dass sein Unternehmen langsam wächst und sich zunächst mal auf die Studierenden und Jobanfänger konzentriert. Auch das Wachstumskapital sei lange knapp gewesen, und die Pandemie habe gebremst. Nun sehe es wieder anders aus, sagt er. Sein Unternehmen sei profitabel und habe seit 2015 kein externes Geld mehr aufgenommen. Das könne sich bald ändern, kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs wollte er sich eigentlich um Kapital bemühen.

Marina Gebert will sich vielleicht doch irgendwann wieder einen festen Studentenjob suchen. Denn manchmal gibt es nicht genügend Schichten für sie im Angebot. In München gibt es viele Studierende wie sie, die sofort zuschlagen, wenn ein Unternehmen wie Bauhaus nach Leuten sucht. “Aber es ist halt schwer, etwas Festes zu finden”, sagt sie, “wenn ich immer erst kurzfristig weiß, wann ich kann. Und irgendwie macht die Abwechslung auch Spaß.”

Reference-www.sueddeutsche.de

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