Deutschland braucht seine Industrie

Deutschland braucht seine Industrie

Es scheint auf der Hand zu liegen. Die Abhängigkeit von russischem Gas befeuert eine Debatte, ob Deutschlands Wirtschaft falsch aufgestellt ist. Also: Weg mit der Industrie, die (derzeit noch) das Gas des Aggressors Putin braucht! Dafür auf Dienstleistungen setzen, die eh im Trend liegen. Doch so ein Kurs wäre leichtfertig. Eine Deindustrialisierung verursacht dramatische Schäden – an Jobs, Zukunftsfähigkeit und Demokratie.

In vielen Ländern steckt nur noch jeder sechste Arbeitsplatz in der Produktion. In Deutschland dagegen stellt die Industrie jeden vierten Job. Und das ist gut so. Autohersteller und Chemiebranche zahlen weitaus bessere Löhne als viele Dienstleister. Es liegt auch an der Industrie, dass die Bundesrepublik eine besonders starke Mittelschicht hat. Die Industrie bedeutet mehr für die Wirtschaftsleistung, als der Jobanteil von einem Viertel suggeriert. Sie steht für volle drei Viertel der Investitionen – und der Exporte.

Klar, ein langsamer Wandel zu mehr Dienstleistungen findet überall statt. Etwas ganz anderes ist es, eine Deindustrialisierung zu forcieren. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher etwa wollte Banker in Anzügen statt Malocher mit Dreck im Gesicht. “Lasst uns die Regeln wegwerfen, die die Finanzbranche bremsen”, rief sie 1986. Großbritannien bezahlte dies mit dem weitgehenden Verlust der Autoindustrie und frustrierten Arbeitern, die später für den desaströsen Brexit stimmten. Die Welt bezahlte die Exzesse der globalen Geldbranche mit der Finanzkrise 2008, die Millionen Jobs wegfegte.

In den Jahren davor gab es international Druck auf die Bundesrepublik, sich von der Industrie zu lösen. Gottlob widerstanden Politik und Firmen – und kamen deshalb besser aus der Finanzkrise als die bankenlastigen USA. Deutschland beweist, dass eine Volkswirtschaft besser auf zwei Beinen steht: Dienstleistungen und Produktion. Es widerlegt auch die These, dass die Fertigung sowieso aus Hochlohnländern verschwindet. Die Zahl der deutschen Industriejobs wuchs seit 2006 – von neun auf mehr als zehn Millionen. Gibt es hochwertige Produkte, muss die Fertigung nicht abwandern. Umso weniger, als die Löhne von Konkurrenten wie China steigen.

Was die Bundesrepublik richtig macht, zeigt sich in deindustrialisierten Gegenden wie dem Norden Frankreichs oder Amerikas Rust Belt. Dort landeten Arbeiter auf der Straße. Was Neues fanden sie, wenn überhaupt, für weniger Geld als Paketboten oder Kassiererinnen. Es ist kein Zufall, dass sie meist Rechtspopulisten wie Marine Le Pen oder Donald Trump wählen, die um die Demokratie fürchten lassen.

Es ist auch kein Zufall, dass Deutsche in der Industrie meist mehr verdienen als bei Dienstleistern. Die Gewerkschaften sind in den Fabriken stark. Und Lohnerhöhungen kommen durch mehr Produktivität. Diese steigt, wenn man mehr Maschinen einsetzt. Das geschieht bei Fabrikarbeitern häufiger als bei Sachbearbeiterinnen oder Friseuren. Der Ökonom William Baumol erkannte schon vor gut 50 Jahren eine “Kostenkrankheit” vieler Servicejobs.

Eine Deindustrialisierung ignoriert mehr als die Interessen der Arbeitnehmer. Eine moderne Volkswirtschaft setzt nicht auf Industrie oder Dienstleistungen – sondern auf beides. Das ist keine Rechtfertigung für die Bundesregierung, weiter Sanktionen gegen Russland zu blockieren. Aber es bedeutet, dass sie besser einem Öl-Importstopp zustimmt als einem sofortigen Gas-Embargo, das Produktion aus dem Land vertreiben kann.

Die Industrie ist kein hochsubventionierter Dinosaurier

Strategisch sollte die Regierung der Industrie helfen, nicht nur von Putins Gas loszukommen, sondern von fossiler Energie generell. Warum nicht in Deutschland Stahl mit grünem Wasserstoff herstellen? Das ist fürs Klima besser als ein Stahlwerk in China, das Kohle verfeuert. Klimaschutz lässt sich damit verbinden, die Industrie in Deutschland zu erhalten. Der Umbau kostet aber, auch staatliches Geld. Es stimmt jedoch nicht, dass die Industrie jetzt schon ein hochsubventionierter Dinosaurier sei. Denn sie muss weder aussterben. Noch bekommt sie besonders viel Geld – sondern nur 18 Prozent aller Subventionen an die Wirtschaft.

Reference-www.sueddeutsche.de

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