Abgasskandal: Audi-Kronzeuge bleibt auf der Anklagebank

Abgasskandal: Audi-Kronzeuge bleibt auf der Anklagebank

Am Ende hat nicht einmal die Fürsprache der Staatsanwaltschaft für den Kronzeugen Hennig L. geholfen. Der Ex-Leiter des Bereichs Abgasnachbehandlung bei der VW-Tochter Audi bleibt im ersten großen Prozess in Deutschland um die Abgasaffäre weiterhin auf der Anklagebank. Zusammen mit dem früheren Audi-Chef Rupert Stadler und weiteren Beschuldigten.

Der Chemiker und Entwickler L. ist einerseits Angeklagter, weil er bei den Abgasmanipulationen jahrelang mitgemacht habe. Andererseits ist der frühere Chef der Abgasnachbehandlung der wichtigste Zeuge der Staatsanwaltschaft München II in der Abgasaffäre bei Audi. Ein Kronzeuge eben. Trotzdem hat das Landgericht München II den Antrag seines Verteidigers Maximilian Müller abgelehnt, nach eineinhalb Jahren Prozess das Verfahren gegen L. einzustellen. Und obwohl selbst die Staatsanwaltschaft darauf verwiesen hatte, wie sehr L. bei den Ermittlungen geholfen habe. Seine frühzeitige Aufklärungshilfe sei von überragender Bedeutung gewesen.

Verteidiger Müller hatte bei Gericht vergeblich gefordert, der Mut von L., frühzeitig reinen Tisch zu machen, müsse belohnt werden. Außerdem, so Müller, wäre eine Einstellung des Verfahrens ein “wichtiges Signal” für mögliche Kronzeugen in anderen Fällen. Ein Signal, dass es sich lohne, auszupacken. L. hätte auch an die Justizkasse gezahlt, um die Anklagebank verlassen zu können. Sein Anwalt Müller hatte eine Verfahrenseinstellung gegen Geldauflage angeregt, was Paragraf 153a der Strafprozessordnung möglich macht.

Doch das erhoffte Signal blieb aus. Die fünfte große Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München II erklärte, die mutmaßliche Schuld von L. in der Abgasaffäre falle für eine Verfahrenseinstellung gegen Geldauflage zu hoch aus. Der Ex-Bereichsleiter müsse zwar nicht damit rechnen, ins Gefängnis zu kommen. Aber eine Freiheitsstrafe auf Bewährung, das lässt sich aus der Entscheidung ablesen, wäre denkbar.

Anwälte raten ihren beschuldigten Mandanten in Zukunft womöglich eher zu schweigen

Das Gericht verwies auf den “nicht mehr unerheblichen Tatzeitraum”, sprich auf die jahrelangen Abgasmanipulationen bei Audi. Und auf den laut Anklage vorliegenden Schaden. Der Anklage zufolge sind, als Folge der Manipulationen bei Audi, mehr als 430 000 schmutzige Dieselfahrzeuge von Volkswagen sowie den beiden VW-Töchtern Audi und Porsche den Kunden in Europa und den USA als abgasarme, saubere Autos verkauft worden. Das sei massenhafter Betrug gewesen. Die einzelnen Angeklagten sollen für jeweils einen Teil dieser Fahrzeuge verantwortlich sein. Stadler weist genauso wie ein weiterer früherer Spitzenmanager von Audi, der ebenfalls vor Gericht steht, alle Vorwürfe zurück.

Verteidiger Müller bezeichnet die Gerichtsentscheidung als “harten Schlag” und “grundfalsch”. Die im Falle einer Verurteilung von L. zu zahlenden Verfahrenskosten seien exorbitant und “faktisch existenzbedrohend”. Das stehe in keinem Verhältnis zu seiner Schuld und seiner Rolle aus Aufklärer. Auch müssten Strafverteidiger angesichts dieses Umgangs mit einem Kronzeugen die Strategie in Frage stellen, sich in solchen Fällen “frühzeitig und proaktiv an die Behörden zu wenden”. Was Müller damit meint: Künftig könnten Anwälte beschuldigten Mandanten raten, lieber zu schweigen, statt zu gestehen und den Ermittlungsbehörden zu helfen.

Die Staatsanwaltschaft hatte bereits in der Anklageschrift die Rolle von L. bei der Aufklärung einer der größten Industrieaffären in Deutschland gewürdigt. Der seinerzeitige Leiter des Audi-Bereichs Abgasnachbehandlung mit dem internen Kürzel N/EA-631 sei bei seinen Vernehmungen aufrichtig und ehrlich gewesen, steht sinngemäß in der Anklageschrift. Vor Gericht fügte die Staatsanwaltschaft jetzt in einer langen Erklärung hinzu, die von L. geleistete Aufklärungshilfe sei “vorbildlich” gewesen.

Henning L. hat bei seinen Vernehmungen ausgesagt, dass Audi nach der Enthüllung der Abgasmanipulationen bei der Muttergesellschaft VW noch etliche Monate lang versucht habe, die eigene Verwicklung in die Affäre zu vertuschen. Was Audi den ermittelnden US-Behörden erzählt habe, sei teilweise hanebüchen, Blödsinn und eine Lügengeschichte gewesen. In Ingolstadt habe Chaos und Panik geherrscht. Das belastet indirekt auch Stadler. Ob der damalige Vorstandschef einfach überfordert war, oder ob er bewusst alles laufen ließ, um in Europa weiter Diesel-Fahrzeuge verkaufen zu können, muss sich noch zeigen. Stadler bezeichnet sich als unentschuldigt.

Reference-www.sueddeutsche.de

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