Aufschwung schon wieder abgesagt

Aufschwung schon wieder abgesagt

Das war’s dann mit dem tollen Aufschwung. Noch im Herbst sagten die führenden Konjunkturinstitute voraus, die deutsche Wirtschaft werde dieses Jahr um fast fünf Prozent wachsen. Das wäre ein rasanter Aufstieg aus dem düsteren Corona-Tal gewesen. Nun bremst der russische Überfall auf die Ukraine zusätzlich zu all seinen schrecklichen Auswirkungen auch die deutsche Konjunktur. Die Wirtschaft wächst dieses Jahr nur noch um 2,7 Prozent, erklärten die Forscher am Mittwoch. Der richtige, durchgreifende Aufschwung: Er ist wieder abgesagt. Und die Inflation fällt hoch aus.

Zwei Mal im Jahr präsentieren Ifo, DIW und drei weitere Konjunkturinstitute das ganz große Panorama: Wie geht es weiter mit Wirtschaft und Jobs in Deutschland? Nun müssen sie schon das zweite Jahr hintereinander die Hoffnung auf einen starken Aufschwung begraben. 2021 war es die doch länger dauernde Pandemie zusammen mit schwerwiegenden Lieferproblemen, die die Prognose verhagelte. 2022 funktionieren die Lieferketten immer noch nicht richtig. Auch entwickelte sich die Pandemie im Winter ungünstiger als erwartet. Nun belebe zwar der Wegfall der Pandemiebeschränkungen, weil die Deutschen mehr konsumieren dürften. Zusätzlich belastend sind aber nun die Schockwellen durch den Krieg in der Ukraine. Behalten die Forscher recht, fällt das Wachstum mit 2,7 Prozent sogar schwächer aus als vergangenes Jahr. Und dazu muss man wissen, dass dies noch ihr optimistisches Szenario ist.

Ein Gas-Stopp könnte die deutsche Wirtschaft sogar schrumpfen lassen

Denn bei diesem Szenario unterstellen sie, dass es etwa infolge des Kriegs nicht zu weiteren ökonomischen Eskalationen kommen. Und dass weiter Gas aus Russland fließt, von dem die Bundesrepublik zur Zeit noch so stark abhängt. Werden die Gaslieferungen dagegen sofort gestoppt, sinkt das Wachstum auf 1,9 Prozent. Noch weitaus gravierender wären die Konsequenzen für nächstes Jahr. Statt drei Prozent Wachstum beim optimistischen Szenario komme es dann zu einem deutlichen Einbruch: Die deutsche Wirtschaft würde dann 2023 um gut zwei Prozent schrumpfen, so die Forscher.

“Bei einem Stopp der Gaslieferungen droht der deutschen Wirtschaft eine scharfe Rezession”, warnt Stefan Kooths, Vizepräsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Die Forscher schalten sich damit in die seit Wochen tobende Debatte ein, wie sich ein Gas-Stopp auswirken würde. Entweder weil der Westen dem Kriegsaggressor Putin nichts mehr abkauft, um mit dieser weiteren Sanktion Druck auf ihn auszuüben. Oder weil Putin den Gashahn abdreht. Zunächst hatte eine Gruppe von Ökonomen um Moritz Schularick und Rüdiger Bachmann vorgerechnet, ein Gasembargo gegen Putin sei handhabbar. Die deutsche Wirtschaft schrumpfe um 0,5 bis drei Prozent. Ganz anders Sebastian Dullien vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung: Er fürchtet einen Einbruch um sechs Prozent – das wäre schlimmer als die Corona-Krise 2020 oder die Finanzkrise 2008.

Die Konjunkturinstitute liegen zwischen diesen beiden Polen. Sie kalkulieren, dass ein sofortiger Stopp der russischen Gaslieferungen dieses und nächstes Jahr 220 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung kostet. Das ist sehr viel.

Warum die Preise so stark steigen

Wie andere Forscher rechnen die Institute damit, dass sich dieses Jahr das Geld erneut viel stärker entwertet, als es die Bürger zuletzt gewohnt waren. Es gibt gegenläufige Strömungen, die aber alle die Preise treiben, sagt IfW-Vize Kooths: “Schon die staatlichen Hilfspakete während der Pandemie haben preistreibend gewirkt. Die Verteuerung wichtiger Energie nach dem russischen Überfall facht den Preisauftrieb weiter an.”

Für dieses Jahr rechnen die Forscher mit 6,1 Prozent Inflation – doppelt so viel wie 2021 und der höchste Wert seit 40 Jahren. Sie machen den Deutschen aber auch Hoffnung: Nächstes Jahr gehe die Inflation auf 2,8 Prozent zurück. Allerdings gilt das nur, wenn das optimistische Szenario eintrifft. Bei einem Lieferstopp russischer Energie würden die Preise dieses Jahr um mehr als sieben und 2023 um fünf Prozent klettern, warnen die Ökonomen. Kooths rief die Regierung auf, Hilfspakete gegen die hohen Energiepreise vorsichtig zu dosieren, um die Inflation nicht weiter anzuheizen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) straffe ihre lockere Geldpolitik langsamer als die US-Notenbank. Die EZB werde die Leitzinsen erst Ende dieses Jahr etwas anheben.

Aktuell liegen die Arbeitslosenzahlen wieder auf dem Niveau vor der Corona-Pandemie

Bemerkenswert ist, dass sich die Bundesbürger nach der Prognose wenig Gedanken um ihren Job machen müssen. Die führenden Konjunkturinstitute rechnen damit, dass dieses Jahr 300 000 Menschen weniger arbeitslos sind als vergangenes. Mit 2,3 Millionen wäre die Arbeitslosigkeit dann wieder so niedrig wie vor der Corona-Pandemie. Interessant auch: Selbst wenn es zu einem Gas-Lieferstopp kommt, geht die Arbeitslosenrate nicht dramatisch nach oben. Die Forscher erwarten, dass der Wachstumseinbruch dadurch aufgefangen würde, dass die Deutschen kürzer arbeiten. Schon beim Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 war es gelungen, durch umfangreiches Kurzarbeitergeld zu verhindern, dass viele Menschen ihre Stelle verlieren. Spürbar wäre ein Gas-Stopp aber schon: Nächstes Jahr könnte es dann fast 2,8 Millionen Arbeitslose geben.

Reference-www.sueddeutsche.de

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