Europa steht vor der Zinswende

Manchmal verändert ein Blick aus der Ferne ja die Perspektive, und so war es vielleicht kein Zufall, dass führende Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) ausgerechnet eine Dienstreise nach Washington nutzten, um weitreichende Veränderungen der Geldpolitik auf ihrem Heimatkontinent in Aussicht zu stellen. Angesichts der massiv gestiegenen Inflationsraten, so die Botschaft am Rande der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank, steht Europa vor einer Zinswende, die sehr viel rascher und entschlossener vonstattengehen könnte als bei der letzten EZB-Ratssitzung vor gerade einmal einer Woche angedeutet. Bereits im Juli könnte demnach der Leitzins erstmals seit Mitte 2011 wieder steigen, die Ära der Nullzinsen in Europa ginge damit nach sechs Jahren zu Ende.

Zu den Ratsmitgliedern, die eine solche Kurskorrektur andeuteten, zählten Bundesbankchef Joachim Nagel, EZB-Vizepräsident Luis de Guindos sowie die Notenbankgouverneure Belgiens und Lettlands, Pierre Wunsch und Martins Kazaks. Nagel verwies auf die jüngste Teuerungsrate in der Euro-Zone, die mit 7,5 Prozent fast vier Mal so hoch liegt wie von der Zentralbank gewünscht: “Die Zahlen sprechen ihre eigene Sprache. Insofern ist die Geldpolitik gefordert.” Auch Deutschland müsse sich angesichts des Kriegs in der Ukraine und weiter gestörter Lieferketten infolge der Corona-Pandemie auf eine jahresdurchschnittliche Inflationsrate “in der Nähe von sechs Prozent” einstellen. Vor diesem Hintergrund könne vom dritten Quartal an – also ab Anfang Juli – mit einer ersten Zinsanhebung gerechnet werden.

Inflation: Bundesbankpräsident Joachim Nagel warnt vor einer "geldpolitischen Vollbremsung".

Bundesbankpräsident Joachim Nagel warnt vor einer “geldpolitischen Vollbremsung”.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Notenbanken nutzen traditionell ihre Leitsätze, um etwa die Bau-, die Autofinanzierungs- und andere Kreditzinsen in der Wirtschaft zu beeinflussen. Niedrige Leitzinsen wirken tendenziell konjunkturbelebend, während höhere Sätze dazu dienen sollen, den Wirtschaftsaufschwung zu bremsen und dramatische Inflationsschübe, wie sie die Welt derzeit erlebt, einzudämmen. Gegen steigende Energiepreise und Lieferengpässe, die auf Kriege, politische Konflikte oder pandemiebedingte Produktionsausfälle zurückgehen, können die Währungshüter allerdings wenig bis gar nichts ausrichten. Das war auch der Grund, warum EZB-Präsidentin Christine Lagarde Leitzinserhöhungen bislang abgelehnt hatte. Aus ihrer Sicht ist die Konjunkturlage in Europa zu fragil und das Instrumentarium der Notenbank zu unpassend, um rasch und womöglich unüberlegt zu handeln.

Die jüngsten Aussagen ihrer Ratskollegen zeigen jedoch, dass immer mehr führende EZB-Vertreter der Marschroute ihrer Präsidentin nur noch bedingt folgen. Sie eint die Sorge, dass Bürger und Unternehmen angesichts der weitgehenden Untätigkeit der Europäischen Zentralbank das Vertrauen in die Stabilitätsorientierung der Währungshüter verlieren könnten, ihre Inflationserwartungen nach oben anpassen und den Teuerungstrend durch vorgezogene Käufe und Preiserhöhungen weiter befeuern. Die Angst vor der Inflation könnte so zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden, die der EZB die Arbeit zusätzlich erschweren würde.

Mit jeder Zinserhöhung wächst die Gefahr, dass die Konjunktur abgewürgt wird

Nagel, de Guindos, Wunsch und Kazaks deuteten an, dass die Notenbank ihre Ankäufe von Staatsanleihen und anderen festverzinslichen Wertpapieren im Juni beenden werde, mit denen sie die langfristigen Zinsen seit Jahren niedrig gehalten und die Konjunktur gestützt hatte. Anschließend sei dann eine erste Anhebung des Leitsatzes von derzeit null und des Einlagensatzes für Banken von momentan minus 0,5 Prozent denkbar. “Aus heutiger Sicht ist Juli, September oder auch später möglich”, sagte EZB-Vize de Guindos in einem Interview der Nachrichtenagentur Bloomberg. “Wir werden uns die Daten anschauen und dann entscheiden.” Ähnlich äußerte sich der belgische Notenbankchef Wunsch. Sollte es in den nächsten Wochen weitere böse Inflationsüberraschungen geben wie zuletzt Anfang April, sei eine Zinserhöhung im Juli “ein Szenario, das ich definitiv in Erwägung ziehen würde”, erklärte er.

Inflation: Laut EZB-Vize Luis de Guindos sei auch eine Zinserhöhung im Juli ein realistisches Szenario.

Laut EZB-Vize Luis de Guindos sei auch eine Zinserhöhung im Juli ein realistisches Szenario.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Noch deutlicher formulierte es Wunschs lettischer Amtskollege Kazaks. “Eine Zinserhöhung im Juli ist möglich”, sagte er und fügte an, er halte auch die Einschätzung der Finanzmärkte für plausibel, wonach die Zeit der Negativzinsen beim Einlagensatz in diesem Jahr zu Ende gehen werde. Die EZB werde ihre Politik Schritt für Schritt normalisieren, “wobei Schritt für Schritt nicht automatisch langsam bedeutet”. Es gehe vielmehr darum, im Lichte der jeweils aktuellsten Daten “angemessene” Entscheidungen zu treffen.

Allerdings wächst mit jeder Zinserhöhung auch die Gefahr, dass der ohnehin fragile Konjunkturaufschwung in Europa abgewürgt wird oder die Wirtschaft gar in eine Rezession abrutscht. Das wäre sowohl für die Regierungen der Euro-Zone als auch für die EZB der wohl schlechteste aller Fälle, weil es zu einer gefährlichen Kombination aus hohen Teuerungsraten und steigenden Arbeitslosenzahlen kommen könnte. Auch Inflationsmahner wie Nagel plädieren deshalb für ein wohldosiertes Vorgehen, statt “jetzt hastig an der Zinsschraube zu drehen”https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/.”Eine geldpolitische Vollbremsung”, so der Bundesbankpräsident im fernen Washington, “wäre nicht sinnvoll.”

Reference-www.sueddeutsche.de

Related Post

Leave a Reply

Your email address will not be published.