Ukrainische Ökonomen fordern sofortigen Stopp von russischem Öl

Ukrainische Ökonomen fordern sofortigen Stopp von russischem Öl

Wer in diesen Tagen in der Ukraine Ökonomen trifft, erkennt sogleich, dass keine normalen Zeiten herrschen: Die Männer tragen oft Kapuzenpulli statt Schlips und Hemd. Alle haben tiefe Augenringe, schauen immer wieder unruhig zu ihrem Smartphone. Und alle betonen, dass die weitere Zukunft des Landes nicht nur von Raketen und Panzern abhänge, sondern auch von den wirtschaftlichen Umständen des Krieges. Detailliert im Blick haben alle die Debatte in Deutschland und der Europäischen Union über die Lieferung russischer Energieträger.

“Das russische Gas und Öl tragen dazu bei, dass Menschen verletzt werden und sterben”, sagt etwa Tymofij Mylowanow, Präsident der Kyiv School of Economics, Professor der University of Pittsburgh, und einer der früheren Wirtschaftsminister der Ukraine. 32 Milliarden Euro hätten die Europäer seit Kriegsbeginn an Russland für den Gas- und Öl überwiesen, das sei weit mehr Geld als die Hilfszahlungen für die Ukraine. “Das muss sich ändern, schneller als bislang diskutiert”, sagt Mylowanow. Seine Forderung an die Bundesregierung und die EU in Brüssel: “Entscheiden Sie jetzt den Ausstieg und legen sie einen klaren, ambitionierten Zeitplan fest!” Gerade beim Öl sei das keine technische Frage, sondern eine politische. Denn Mylowanow und alle ukrainischen Kollegen, mit denen die Süddeutsche Zeitung gesprochen hat, stimmen überein, dass es einen Unterschied zwischen dem Ausstieg aus russischem Gas und russischen Öl gibt: Was die Wirksamkeit als Sanktionsmaßnahme anbelangt und die Geschwindigkeit des Abschaltens.

Russland hat im vergangenen Jahr 490 Milliarden US-Dollar mit Auslandsausfuhren erlöst, 49 Prozent davon stammen aus dem Verkauf von Energieträgern. Dabei sind die Einnahmen aus Öl mit 110 Milliarden US-Dollar beinahe doppelt so hoch wie jene aus Gas, das in Deutschland relevanter ist. “Der Stopp von Ölimporten ist insofern weit wichtiger und wirksamer als jener von Gas”, sagt Hlib Vyshlinsky, der das Centre for Economic Strategy in Kiew leitet: “Die EU sollten den USA folgen und sofort die Öl-Einfuhr stoppen, das ist auch aus nüchterner Sicht der Wissenschaft vertretbar.”

Sofort, das bedeutet: Den Zeitraum von einigen Wochen und wenigen Monaten. Denn Öl sei auf dem Weltmarkt gut verfügbar und sei dank Tankschiffen und des europäischen Pipeline-Netzes flexibler zu transportieren als Gas. Natürlich wären die Folgen dennoch spürbar, da für einige Monate alles teurer würde, sagt Tatyana Deryugina, die an der University of Illinois lehrt. Aber danach hätten sich die Logistikwege in Europa eingespielt, und die Preise würden wahrscheinlich wieder sinken. “Der schnelle Ausstieg aus dem Öl ist verkraftbar, und Europa sollte sich hier endlich als Leader zeigen”, so die Wirtschaftswissenschaftlerin.

“Es wäre empfehlenswert, wenn auch die Deutschen ihre Atomkraftwerke zumindest eine Zeitlang weiterlaufen lassen würden.”

Ihr Kollege Vyshlinsky verweist beim Abpuffern der Folgen auf den deutschen Atomausstieg: Es mute “merkwürdig” an, dass Deutschland Umweltrisiken weiterhin höher gewichte als die Energiesicherheit, steigende Kosten und letztlich die Stabilität und den Frieden in Europa. Die Ukraine beziehe derzeit die Hälfte seiner Energie aus der Atomkraft – trotz des Unglücks in Tschernobyl, aus dem man gelernt habe. “Es wäre empfehlenswert, wenn auch die Deutschen ihre Atomkraftwerke zumindest eine Zeitlang weiterlaufen lassen würden”, sagt Vyshlinsky, der vor einigen Jahren im Ukraine-Management des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK arbeitete. “Als einen Baustein, um schneller unabhängig zu werden von Russland.”

Tymofij Mylowanow geht noch weiter: “Deutschland und Europa sollten eingemottete Kernkraftwerke wieder in Gang setzen.” Er sehe eine Debatte, die nach dem Motto laufe: Wir können das nicht machen. “Das ist falschrum gedacht: Es muss heißen, wir müssen das möglich machen, so schnell wie möglich!” Das gelte auch für den Ausstieg aus dem russischen Gas, der tatsächlich komplizierter sei. Einen sofortigen Stopp hält der Wirtschaftswissenschaftler wie seine Kollegen für unrealistisch. Selbst im Idealfall werde das wohl mehr als ein Jahr Zeit in Anspruch nehmen, da man in Westeuropa natürlich nicht alles durch Atomkraftwerke oder Öl ersetzen könne, sondern neue Pipelines und Gasterminals bauen müsse. Doch um so schneller müsse nun der Ausstieg genau geplant werden, schon jetzt habe man durch die Diskussion zwei Monate Zeit verloren. Und auch wenn die jetzt eingesetzten Panzer bereits gezahlt worden seien, gelte doch: “Russland wird mehr und neue Waffen bauen und dazu braucht das Land Geld.”

Wie die meisten Ökonomen in der Ukraine, verweist auch der Präsident der Kyiv School of Economics darauf, dass bei einem ambitionierten Stopp von Öl und Gas das deutsche Bruttoinlandsprodukt um bis zu 2,5 Prozent zurückgehen würde. Das sei “natürlich unangenehm”. Gerade jene, die wirtschaftlich am schwächsten seien, müssten aufgefangen werden. Aber das sei für ein Land wie Deutschland möglich, das die Corona-Pandemie mit einem mehr als doppelt so großen Wirtschaftseinbruch gut überstanden habe. “Ist das nicht ein Preis, den Menschenleben wert sein sollten?”, fragt Mylowanow. Die Ukraine erwarte übrigens einen Einbruch des Bruttoinlandsproduktes von 45 Prozent. Abseits dieses moralischen Aspekts, der zum schnellstmöglichen Ausstieg dränge, gebe es einen weiteren, den doch gerade die Deutschen verstehen müssten. Durch Munition, Minen und Schrottpanzer würden Flüsse verseucht, Äcker zerstört: “Diese Folgen des Krieges für die Umwelt und die Weltwirtschaft sind unglaublich und auf lange Sicht weit viel höher als ein kurzfristig zurückgehendes Bruttoinlandsprodukt.”

Reference-www.sueddeutsche.de

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