Wie Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland arbeiten können

Das Schlosscafé in Heimbach-Teningen, einem kleinen Ort rund 25 Kilometer nördlich von Freiburg, hat seit knapp vier Wochen Verstärkung: Alexandra Herbiei, 21, die eigentlich Köchin in Odessa an der ukrainischen Schwarzmeerküste ist. Maik Delling, der Schlosscafé-Betreiber, hatte sie schon 2020 bei der Olympiade der Köche in Stuttgart kennengelernt, erzählt der 41-Jährige. Als der Krieg in der Ukraine beginnt, schreibt er ihr über Instagram und bietet seine Hilfe an. Er organisiert Zugtickets und Hotelzimmer für ihre Flucht und nimmt sie bei sich zu Hause auf. Sein zwölfjähriger Sohn räumt für sie sein Kinderzimmer und schläft seitdem bei den Eltern.

Die Sprachbarriere – sie kann kein Deutsch, er kein Russisch – überwinden sie mit einer Übersetzungs-App. Herbieis Mobiltelefon ist ständig im Einsatz, sie hat auch eine App, die anschlägt, wenn in Odessa oder anderen Orten in der Ukraine, wo Familienmitglieder von ihr leben, ein Fliegeralarm losgeht. “Ich durchlebe sehr schwere Momente der Angst”, sagt sie. “Dass ich so weit weg von zu Hause bin, bereitet mir höllische Schmerzen.” Gleichzeitig fühle sie sich im Schlosscafé sehr wohl und sei dankbar für die Hilfe der Familie Delling. “Wer Menschen aus der Ukraine einstellt, muss sich klarmachen, dass die nicht an jedem Tag gleich arbeitsfähig sind”, sagt Delling, das sei ja menschlich angesichts des Leids und der Erfahrungen im Krieg. Aber er schwärmt auch: “Wenn Alexandra gut drauf ist, dann geht sie ab wie ein Schnitzel.”

Viele der Menschen, die seit Kriegsbeginn aus der Ukraine nach Deutschland flüchten mussten, suchen hier eine Arbeit. Fast jeder, der ankommt, stellt in den ersten Tagen diese Frage: Wann und wo kann ich arbeiten? Arbeit ist wichtig, weil die Menschen natürlich Geld brauchen, aber sie hilft auch, sich einzuleben und zu integrieren, die Sprache zu lernen. “Es ist wichtig, den Menschen eine zeitliche Perspektive zu bieten und sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren”, sagt Pola Schneemelcher von der Berliner Denkfabrik Dezernat Zukunft. “Die Menschen, die aus der Ukraine kommen, haben ein hohes Ausbildungsniveau, die Kinder können schnell in Schule und Betreuung eingebunden werden. Eine schnelle Integration in den deutschen Arbeitsmarkt ist also möglich und zwar nicht nur im Niedriglohnsektor.”

Wie viele Menschen aus der Ukraine inzwischen in Deutschland sind, ist unklar. Seit Kriegsbeginn hat die Bundespolizei genau 369 381 Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland gezählt. Überwiegend sind es Frauen, Kinder und alte Menschen. Männer dürfen in der Regel nicht ausreisen, sondern müssen kämpfen. Da Ukrainer zunächst 90 Tage visumsfrei in die EU einreisen können, dürfte die tatsächliche Zahl der Kriegsflüchtlinge, die in Deutschland Schutz gesucht haben, aber deutlich höher liegen. Schneemelcher zufolge wollen die meisten der Geflüchteten in die Ukraine zurück und nicht dauerhaft bleiben. “Natürlich werde ich nach Hause fahren zu meiner Familie, sobald ich kann”, sagt etwa auch Herbiei aus Odessa. Schneemelcher sagt: “Die Tatsache, dass viele der Geflüchteten bald in ihr Land zurück wollen, ist die Grundvoraussetzung, mit der wir arbeiten müssen.” Ob und wann das gelinge, sei aber eine andere Frage – schließlich dauert der Krieg an, und viele Orte sind schon jetzt zerstört. “Umso wichtiger ist eine Entwicklung einer Bleibeperspektive.”

Wichtig, damit die Menschen schnell arbeiten können, sei der Abbau bürokratischer Hürden, die zum Teil schon von der Bund-Länder-Konferenz beschlossen wurden, etwa die schnellere Vergabe von Arbeitserlaubnissen. Laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales dürfen Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland arbeiten, müssen das aber bei der für sie zuständigen Ausländerbehörde beantragen. Mit dem vorläufigen Dokument über ihr Aufenthaltsrecht bekommen sie auch die Arbeitserlaubnis, mit der sie in Deutschland jeder Beschäftigung nachgehen oder auch eine Ausbildung aufnehmen können. Ein Problem aber: Manche der Studien- und Ausbildungsbescheinigungen sind in der Ukraine gerade nicht zu besorgen, und noch ist unklar, ob die Geflüchteten vorübergehend ohne sie arbeiten dürfen. Auch Kita-Plätze sind vielerorts rar, und ohne können die Mütter kaum arbeiten. Ob der theoretische Bürokratieabbau in der Praxis funktioniert und genügt, müsse sich noch zeigen, sagt Schneemelcher.

Arbeitsmarkt: "Wenn Alexandra gut drauf ist, dann geht sie ab wie ein Schnitzel", schwärmt ihr neuer Arbeitgeber Maik Delling (Mitte) über seine ukrainische Köchin Alexandra Herbiei, hier mit einer Kollegin und einem Kollegen.

“Wenn Alexandra gut drauf ist, dann geht sie ab wie ein Schnitzel”, schwärmt ihr neuer Arbeitgeber Maik Delling (Mitte) über seine ukrainische Köchin Alexandra Herbiei, hier mit einer Kollegin und einem Kollegen.

(Foto: privat)

Guter Wille muss aber nicht allein von der Politik kommen. Auch Arbeitgeber, die helfen wollen, haben viele Möglichkeiten – und erste Unternehmen in Deutschland nutzen sie. Schließlich gibt es viele offene Stellen. Einfach war es auch mit der Arbeitserlaubnis von Herbiei im Schlosscafé in Heimbach-Teningen nicht, erzählt Arbeitgeber Delling. Die Ausländerbehörde in seinem Landkreis komme bei der Vielzahl der Anträge im Moment einfach nicht hinterher. Er bat die Industrie-und Handelskammer (IHK), den Branchenverband Dehoga und einen örtlichen Bundestagsabgeordneten um Hilfe. Irgendwann kam eine Mail des Amtes, dass er Herbiei beschäftigen dürfe, das offizielle Dokument fehle bis heute. Auch in anderen Teilen Deutschlands müssen die Ukrainer lange auf ihre Papiere warten.

Etliche Geflüchtete arbeiten aber schon. In der Grundschule “Unterm Regenbogen” in der Dresdner Neustadt gibt es seit April 23 neue ukrainische Schüler, die ihr eigenes Klassenzimmer haben – und eine eigene Lehrerin, berichtet die Sächsische Zeitung. Natalja Teterych gehöre zu den ersten ukrainischen Lehrerinnen, die vom Land Sachsen eingestellt wurden, das 400 Stellen besetzen möchte, damit die Kinder aus der Ukraine unterrichtet werden. Die Deutsche Bahn hat schon einige Geflüchtete eingestellt und bietet Orientierungskurse an, in denen sie Deutsch lernen und über den deutschen Arbeitsmarkt lernen können. Und im Münchner Speckgürtel arbeiten manche Ukrainerinnen schon als Feldarbeiterinnen. Gewerkschaften wie die IG Bau warnten allerdings bereits davor, Geflüchtete aus der Ukraine als billige Arbeitskräfte auszunutzen.

Ukrainische Geflüchtete können Abhilfe beim Fachkräftemangel schaffen

Einige der Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland kommen, könnten sich hierzulande als Freiberufler betätigen – schließlich ist die Ukraine ein IT-Zentrum, und in Deutschland fehlen IT-Fachkräfte. Die europäische Internetplattform Malt, die hochqualifizierte Freiberufler vermittelt, hat gerade eine Initiative für die Geflüchteten gestartet. Die ukrainischen Experten können ihr Profil auf der Malt-Plattform mit dem Hashtag #UkrainianFreelancer versehen und Unternehmen, die sie beschäftigen wollen, so direkt nach ihnen suchen und direkt Arbeit vergeben. “Unternehmen können den Fachkräftemangel lösen und gleichzeitig etwas Gutes tun”, sagt Malt-Deutschlandchef Dirk Henke. Für die #UkrainianFreelancer verlangt Malt in den ersten drei Monaten keine Provision. Malt arbeitet dafür mit Kontist zusammen, einer Selbständigen-App für Banking, Buchhaltung und Steuerberatung. Kontist hat eine Website mit Informationen in ukrainischer und russischer Sprache erstellt, die erklären, wie man hier Freelancer wird.

Arbeitsmarkt: Die Deutsche Bahn und die Arbeitsagentur haben gemeinsam in Köln, Berlin und Frankfurt Jobberatungszentren für ukrainische Geflüchtete in Bahnhofsnähe eingerichtet. Hier sitzen ukrainische Geflüchtete in einem Jobberatungszentrum am Hauptbahnhof in Köln.

Die Deutsche Bahn und die Arbeitsagentur haben gemeinsam in Köln, Berlin und Frankfurt Jobberatungszentren für ukrainische Geflüchtete in Bahnhofsnähe eingerichtet. Hier sitzen ukrainische Geflüchtete in einem Jobberatungszentrum am Hauptbahnhof in Köln.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Chiphersteller Infineon betreibt eine Niederlassung in Lwiw in der Westukraine. Dort habe man schon einige Menschen eingestellt, die aus anderen Landesteilen geflüchtet seien, und werde das auch weiter tun, sagt ein Sprecher. Der reibungslose Geschäftsbetrieb solle aufrechterhalten werden. Daneben sei man aber auch sehr engagiert, die Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen, die aus der Ukraine geflohen seien. An vielen Infineon-Standorten in Deutschland und in anderen Ländern Europas gebe es freie Stellen für eine ganze Reihe von Qualifikationen, nicht nur für technisch ausgebildete Bewerber. Man wolle Geflüchtete, so der Sprecher, “gezielt motivieren, sich auf offene Stellen mit geeignetem Anforderungsprofil zu bewerben”. Auch der Softwarekonzern SAP kündigte ein Programm an, um “Flüchtlinge aus der Ukraine mit offenen Stellen in den weltweiten SAP-Niederlassungen zusammenzubringen”.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil sieht in den Geflüchteten aber nicht in erster Linie Abhilfe gegen den Fachkräftemangel. “Es ist nicht so, dass wir die Menschen als Fachkräfte betrachten, sondern erstmal als Menschen”, sagte der SPD-Politiker kürzlich. Zuerst müsse es darum gehen, für die Geflüchteten eine gute Bleibe in Deutschland zu finden und sie zu versorgen. Doch auch er betont, dass die Ankömmlinge oft gut qualifiziert seien und man sie bald in “ordentliche Arbeit” bringen könne. Arbeitgeber, die daran Interesse haben, finden Hilfe zum Beispiel beim “Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge“, dem bereits fast 3000 Unternehmen beigetreten sind.

Die unter Fachkräftemangel leidende Gesundheitsbranche zeigt sich besonders aufgeschlossen für die Ukrainer – obwohl fehlende Sprachkenntnisse hier ein großes Problem seien, wie die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnt. Die Gesundheitsminister der Länder haben in der vergangenen Woche beschlossen, die Berufsqualifikationen von geflüchteten Ärztinnen und Ärzten und Pflegekräften aus der Ukraine schnell anerkennen zu wollen. Auch unterbrochene ärztliche Ausbildungen sollen fortgesetzt werden können. Für Pflegekräfte sollen Möglichkeiten für eine Nachqualifizierung und eine rasche offizielle Anerkennung geschaffen werden.

Eine weitere Branche, die bestens geeignet ist, um ukrainischen Geflüchteten Arbeit zu geben, ist das Gastgewerbe. In der Corona-Krise haben sich viele Kellnerinnen, Köche oder Hotelfachfrauen andere Jobs gesucht, Gastronomen und Hoteliers brauchen deshalb dringend neue Mitarbeiter. Außerdem haben sie meist viel Erfahrung mit ausländischen Kollegen und internationalen Teams. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit hätten mit Stichtag 30. Juni 2021 insgesamt 345 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Hotellerie und Gastronomie eine ausländische Staatsangehörigkeit, sagt Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges. “Das entspricht einem Anteil von 35,1 Prozent. In keiner anderen Branche ist der Anteil höher”. Die Arbeit im Team sei außerdem eine gute Gelegenheit, schnell die Deutschkenntnisse zu verbessern. Man könne sowohl Fachkräfte als auch angelernte Kräfte sehr gut gebrauchen, heißt es in den Verbänden. Maik Delling und Alexandra Herbiei haben bewiesen, wie es geht.



Reference-www.sueddeutsche.de

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