Schweizer Masken-Abenteurer meiden deutschen Untersuchungsausschuss

Es ist ein warmer Frühlingstag in Zürich, Jascha Rudolphi und Luca Steffen schwitzen sichtlich ein wenig in ihren edlen Wollpullovern. Aber das stört die beiden Jungunternehmer, die mit ihrer Firma Emix und vor allem mit dem Handel von Corona-Masken ziemlich schnell Jungmillionäre geworden sind, nicht weiter. Stundenlang erzählen sie ihre Geschichte, die aus der Schweiz heraus quer durch Europa nach Marokko, Indien und bis nach China führt. Eine Geschichte, die von Getränken und Schokolade handelt, von Parfum und am vorläufigen Ende von Masken, Masken und nochmals Masken. Aber eines bleibt ein großes Betriebsgeheimnis: Wie viel Gewinn Emix denn nun genau mit den Corona-Deals gemacht hat. 100 oder 200 oder gar 300 Millionen Euro binnen weniger Monate allein in Deutschland?

Das hätte gerne auch ein Untersuchungsausschuss im bayerischen Landtag gewusst, der diverse Maskenaffären aufklären will und unter anderem Rudolphi und Steffen als Zeugen geladen hat. Die beiden sollten eigentlich an diesem Freitag nach München kommen und viele Fragen beantworten. Wie das lief mit dem Verkauf vor allem von ziemlich teuren Masken, deren Qualität mitunter umstritten war, an die Gesundheitsministerien in Bayern, Nordrein-Westfalen und insbesondere in Berlin, beim Bundesgesundheitsministerium. Und welche Rolle dabei die von Emix reich entlohnte Münchner PR-Unternehmerin Andrea Tandler und deren CSU-Kanäle gespielt haben. Die Werbestrategin ist die Tochter des einstigen CSU-Generalsekretärs und Ex-Ministers Gerold Tandler.

Doch Jascha Camillo Rudolphi und Luca Alessandro Steffen, der eine gerade mal 24, der andere erst 25 Jahre alt, bleiben lieber in Zürich. Sie müssen als Schweizer Staatsbürger nicht in einen U-Ausschuss nach Deutschland kommen. Die Absage wird ihnen gleichwohl übelgenommen. Die “Masken-Jungs”, so nennt sie Florian Siekmann, Abgeordneter der Grünen und Vizechef des U-Ausschusses, habe wohl “der Mumm verlassen”. Es sei eben leichter, einen Porsche zu fahren, als vor einem U-Ausschuss die Wahrheit zu sagen. Siekmann spielt damit auf den Umstand an, dass die beiden Jungunternehmer sich nach dem schnellen Erfolg auch schnelle Autos gegönnt haben, darunter einen Ferrari. Emix entgegnet, Siekmanns “polemische Aussage” spreche für sich selbst.

Rudolphi und Steffen wirken in der Tat wie Jungs, wie große Jungs, aber sie auf den Handel mit Masken zu reduzieren, wäre zu kurz gegriffen. Die beiden haben bereits während der Schulzeit begonnen, Handel zu treiben. Sie haben des Öfteren lieber gefeilscht, man kann auch sagen, lieber gezockt, als nur in der Schule gelernt. Ein normaler Berufsweg mit Schulabschluss, Lehre oder Studium und Bürojob, womöglich mit genormten Tagen nach Stechuhr, wäre für die beiden wohl der reinste Horror gewesen.

Rudolphi, blond, durchtrainierte Oberarme, freundliches Lächeln, reicht bei dem Treffen mit der SZ in einer PR-Agentur in Zürich Sandwiches von der edlen Sprüngli-Confiserie herum. Er erzählt von der gemeinsamen Kindheit in einem kleinen Dorf bei Zürich, von der Grundschule, wo sie enge Freunde wurden. Und obwohl sie unterschiedliche Wege einschlugen – Rudolphi fing eine kaufmännische Lehre an, Steffen ging aufs Wirtschaftsgymnasium – blieben sie Freunde. Und stellten irgendwann fest: Ihr Leben als Lehrling und Gymnasiast reichte ihnen nicht. “Wir wollten unternehmerisch tätig sein und auf eigenen Beinen stehen”, sagt Rudolphi. Da waren die Jungs gerade mal 16.

Handel mit Cola aus Polen

Sie träumen von einer eigenen Firma. Die erste Geschäftsidee liefert ihnen ein Getränk, vor dem sie oft sitzen bei ihren Treffen als Jugendliche: eine Flasche Coca-Cola. In Deutschland für wenig Geld zu haben, bezahlt man in der Schweiz schnell fünf Franken für 0,3 Liter. Das lässt Rudolphi und Steffen nicht ruhen. Sie versuchen, das Markengetränk im Ausland aufzutreiben und es jenseits der offiziellen Vertriebswege und sehr billig in die Schweiz zu bringen. Die erste Tour machen die beiden selbst, einmal Polen und zurück. Im Gepäck sind einige Paletten Cola-Flaschen, die sie von Hand neu etikettieren, um sie in der Schweiz an Dönerbuden ausliefern zu können.

Die jungen Männer ziehen einen Mini-Getränkehandel auf, suchen und finden immer neue Handelswege von Polen über die Niederlande bis Portugal, und gründen zwischendurch die Firma Emix Trading AG. Luca Steffen, dunkles Haar, ernster Blick, hat sich die vier Buchstaben auf die Finger seiner linken Hand tätowieren lassen. Emix, das war für ihn und seinen Partner schon immer mehr als ein Job. Erfolge und Misserfolge wechseln sich ab; zwischendurch geraten die beiden auch mal an einen Betrüger und sitzen irgendwann deprimiert am Zürichsee. In einem großen Reinfall endet ausgerechnet der Versuch, Corona-Bier zu beschaffen. Welch Ironie des Schicksals.

“Schneller, zuverlässiger und effizienter”

In jener Zeit gelingt den beiden aber etwas, was in der Schweiz als schier unmöglich galt. Sie besorgen am Rande Europas günstig Marken-Schokolade, die im eigenen Land nur teuer verkauft wird. Die Strategie – wenn es denn eine ist, halb Europa abzugrasen auf der Suche nach Waren aller Art außerhalb der herkömmlichen Handelswege – geht auf. Und dann geht es aus der Schweiz nach China, dem größten Markt der Welt. Ob das nun Größenwahn ist oder Chuzpe, verrückt oder verwegen, es fängt an, zu funktionieren. An Selbstbewusstsein jedenfalls mangelt es den beiden inzwischen nicht mehr. “Unsere Spezialität war und ist, dass wir schneller, zuverlässiger und effizienter sind”, sagt Steffen.

Als die beiden das erste Mal nach China reisen, um mögliche Partner zu treffen, mieten sie sich in einer billigen Wohnung ein, lassen sich aber stets vor einem teuren Hotel abholen. Ab 2018 liefert Emix dann Schweizer Parfums und Kosmetika in den Fernen Osten und macht erstmals Geschäfte in Millionenhöhe. Im Jahr darauf bewegt sich der Umsatz dann schon im zweistelligen Millionenbereich. Das ist viel Geld für zwei Jungunternehmer, die sich nach eigenem Bekunden aber nur 3500 Franken Gehalt im Monat bewilligen und den Rest des Gewinns lieber in die Firma stecken.

Corona-Masken statt Corona-Bier

Die chinesischen Kontakte sind es schließlich, die das ganz große Geschäft bringen, mit Corona-Masken statt Corona-Bier. Anfang 2020, so erzählen die beiden das, berichtet ihnen ein Partner von einem Mega-Virus in China. Und dass Schutzmasken knapp seien. Rudolphi und Steffen versuchen zuerst, wie sie erzählen, in Europa Masken aufzutreiben. Sie klappern vergeblich Apotheken, Zwischenhändler und andere mögliche Lieferanten ab, quer durch den Kontinent. Dann folgt die Erkenntnis: Nicht China braucht Masken aus Europa. Sondern Europa, wo sich das Virus bald schnell ausbreitet, braucht dringend Masken, woher auch immer.

Steffen begibt sich nach Indien, wo es die passenden Rohstoffe geben soll, besorgt Maschinen und versucht, dort eine Produktion aufzubauen. Rudolphi fliegt derweil nach Marokko, wo angeblich große Mengen an Masken irgendwo in der Wüste lagern. Schließlich reist Steffen von Indien über Dubai in den Osten, landet in Hongkong und einem wegen der Pandemie inzwischen fast menschenleeren Flughafen und merkt so, wie ernst die Lage ist.

Von Hongkong aus geht die Suche nach Masken-Herstellern in China los. Emix, so erzählt Steffen, habe Vorkasse angeboten, den doppelten Preis, die Lieferung der damals knappen Rohstoffe, und sich auch selbst um Transport und Export gekümmert. “Wir sind voll ins Risiko gegangen. Wir wussten nicht, was ein Flugzeug in zwei Wochen kostet. Und wir wussten bis zum Sommer 2020 nicht, ob wir mit Gewinn oder Verlust aus der Sache herauskommen”, sagt Steffen. “Wir haben einfach an uns geglaubt”, ergänzt Rudolphi. Und tatsächlich: Am Ende kann Emix Masken in großen Mengen liefern.

Maskenaffären: Masken und Schutzkleidung waren zu Beginn der Pandemie Mangelware.

Masken und Schutzkleidung waren zu Beginn der Pandemie Mangelware.

(Foto: Laurent Gillieron/dpa)

So, wie die beiden davon erzählen, von dem Risiko und von der Wüste, von Indien und Flugzeugen, klingt das nach einem großen Abenteuer. Angeblich war es aber mehr. “Wir haben nicht nur rund um die Uhr gearbeitet, weil wir Geschäfte machen, sondern weil wir helfen wollten. Damals herrschte das Gefühl, Masken entscheiden über Leben und Tod”, sagt Rudolphi. Sein Kompagnon Steffen ergänzt, Kunden und Lieferanten seien “alle in einem Boot” gesessen.

Doch saßen wirklich alle in einem Boot? Die einen, die staatlichen Abnehmer in Deutschland und in der Schweiz, haben viel Geld für die Masken bezahlt; aus Steuermitteln. Die anderen, die beiden Jungunternehmer von Emix, sind für ihr Risiko reichlich belohnt worden. Und diejenigen, die in den Heimen und Kliniken der Pandemie wegen teils bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet haben und die dringend die Masken brauchten, die haben das für die üblichen Löhne und Gehälter und vielleicht noch ein paar Zuschläge getan.

Da wäre es schon spannend zu wissen, wie die finanzielle Bilanz von Emix für das so erfolgreiche Masken-Jahr 2020 ausfällt. Doch Rudolphi und Steffen veröffentlichen keine Geschäftszahlen, an dieser Stelle enden all ihre Erzählungen.

Reference-www.sueddeutsche.de

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