Das kann die Twitter-Alternative Mastodon

Das kann die Twitter-Alternative Mastodon

Was tun, fragen sich nun einige Twitter-Nutzer, nachdem klar ist, dass der reichste Mensch der Welt, Elon Musk, die Plattform kaufen wird. Der Tesla-Gründer verspricht nach der Übernahme zwar “mehr Redefreiheit”, aber weil das auch heißen kann, dass vermehrt wieder Hass und Hetze dort Platz finden oder auch Ex-US-Präsident Donald Trump erneut twittern darf, suchen viele nach einer Alternative.

Und so erlebt gerade ein Dienst namens Mastodon regen Zulauf. Was erstmal klingt wie ein Antibiotikum für Zuchtbullen, ist ein soziales Netzwerk, das auf den ersten Blick Twitter ziemlich ähnelt. Als Symbol hat das Netzwerk aber keinen Vogel, sondern ein Mastodon, ein Urzeit-Rüsseltier aus der Familie der Mammuts.

Und so wird bei Mastodon nicht gezwitschert, sondern tatsächlich getrötet. Statt 280 Zeichen sind es sogar 500. Wenn man will, kann man seine Tröts mit einem Verfallsdatum versehen, dann löschen sie sich automatisch. Gelikt wird in sogar zwei Timelines mit Sternchen statt mit Herzchen, aber es gibt auch Hashtags und Trends. Ein Mastodon-Profil sieht eigentlich genauso aus wie die Profile bei Twitter.

Gegründet hat die Plattform 2016 der Thüringer Software-Entwickler Eugen Rochko. Der End-Zwanziger war selber Twitter-Nutzer, aber frustriert über die Einschränkungen für Programmierer. Außerdem enttäuschten ihn die aufdringliche Werbung und die Datensammlung auf dem US-Netzwerk. Daher unterscheidet sich der Aufbau von Mastodon doch fundamental von Twitter.

Es gibt tausende kleine Mastodons

Mastodon ist ein dezentrales Netzwerk. Das heißt, dahinter steht nicht ein einzelnes Unternehmen, das Geld verdienen will beziehungsweise muss. Vielmehr gibt es tausende kleine Mastodons, die sich quasi unter einem Dach zusammenschließen. Sie heißen hier “Instanzen” und werden auf verschiedenen Servern betrieben – von Nutzerinnen und Nutzern, die dafür ein paar Programmierkenntnisse brauchen.

Diese Instanzen gibt es für alle möglichen Interessensgruppen und regionalen Herkünfte; sie nennen sich beispielsweise @mastodon.art, @bonn.social, @dresden.network oder – was nach dem eigentlich perfekten Twitter-Synonym klingt – @troet.cafe. Aber nicht nur Nerds oder IT-Spezialisten betreiben Instanzen, die sie privat oder durch Spenden finanzieren. Es gibt mittlerweile auch Behörden aus der EU oder Datenschutzbeauftragte des Bundes und der Länder mit eigenen Servern. Die Instanzen können wiederum eigene Verhaltens- und Gruppenregeln aufstellen, etwa ob Inhalte wie “Nudity”, also Nacktheit, erlaubt sind oder eben auch, dass man höflich und ohne persönliche Angriffe miteinander umgehen will.

Wer nun Mastodon-Mitglied werden und loströten will, muss sich erst einmal für eine Instanz entscheiden. Auf der Website Joinmastodon.org kann man sich einen Überblick verschaffen. Mastodon gibt es auch als App für Android und iOS, allerdings ist die Anmeldung über den kleinen Handy-Bildschirm noch etwas unübersichtlicher als über die Website im Browser. Wer an Twitter das Simple schätzt – sowohl im Zugang als auch bei den Inhalten, muss sich also erstmal umgewöhnen.

Hat man nun ein eigenes Konto erstellt, sieht man erst einmal: nichts. Jeder neue Nutzer, jede neue Nutzerin ist auf Mastodon ein unbeschriebenes Blatt, es gibt keine Adresslisten, die ausgelesen werden, um neue Kontakte zu finden. Das heißt aber auch, man muss selber aktiv werden und interessante Leute suchen, denen man folgen will.

Jan Böhmermann ist jetzt auf der dezentralen Plattform

Von ihnen gibt es immer mehr, so hat Mastodon mittlerweile mehr als vier Millionen Nutzer, seit dieser Woche ist auch der Satiriker und Moderator Jan Böhmermann dabei. Das war dem Gründer Rochko sogar einen eigenen Begrüßungs-Tröt wert. Noch ist die Anzahl der Böhmermann-Follower bei Mastodon allerdings überschaubar: Dort sind es 7000, bei Twitter 2,5 Millionen.

Mike Kuketz ist seit 2018 auf Mastodon. Der freiberufliche IT-Sicherheitsberater, der auch für den baden-württembergischen Landesdatenschutzbeauftragten arbeitet, freut sich über den Zuwachs, den die dezentrale Plattform derzeit erlebt. Er sieht in ihr ein Beispiel von “Autonomie und Freiheit” im Netz. Für den 40-jährigen Karlsruher Informatiker ist Mastodon Teil der Bewegung gegen den Überwachungskapitalismus, wie ihn Facebook und Twitter mit ihrem datengetriebenen Geschäftsmodell betreiben.

“Ich finde Dezentralität und das föderale Prinzip von Mastodon sehr wichtig”, sagt Kuketz. “Da gibt es keine Manipulation der Timeline durch Algorithmen, es gibt keinen kommerziellen Druck, keine Werbung und es werden keine Psychologen beschäftigt, die dafür sorgen sollen, dass die Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange auf der Plattform bleiben.”

Zurück in die 1990er, als der Idealismus groß war

Nun reicht eine Twitter-Alternative nicht, um der Gegenentwurf zum Überwachungskapitalismus zu sein. Denn was ist mit Facebook, Youtube, Instagram? Tatsächlich ist Mastodon nur ein Teil eines größeren Entwurfs, dass das Netz wieder unabhängiger von den großen Techkonzernen machen will – zurück in die 1990er, als der Idealismus groß und die Marktmacht von Google und Co. noch klein war, oder gar nicht existierte.

Dieses Konstrukt nennt sich Fediverse. Mike Kuketz erklärt das so: “Das Fediverse kann man sich als Universum mit Galaxien vorstellen. Darin gibt es wiederum Planeten und darauf Lebewesen. Eine Galaxie ist beispielsweise Mastodon, eine andere eine Facebook-Alternative namens Friendica oder der Instagram-ähnliche Dienst Pixelfed. Die Planeten sind die Instanzen bei Mastodon, und die Lebewesen die Nutzerinnen und Nutzer. Und durch die dezentrale und föderale Struktur können alle miteinander kommunizieren, es gibt keine Plattformgrenzen.

Das Fediverse hat also für Kuketz viele Vorteile, er sieht allerdings auch die Nachteile: “Wenn mehr Nutzer kommen, dann kommen auch die Nutzer, die man nicht haben möchte, der rechte Rand, die Fake-News-Verbreiter.” Aber durch die dezentrale Organisation gebe es ganz andere Möglichkeiten mit diesen Leuten umzugehen. Das liegt daran, dass die einzelnen Mastodons beziehungsweise Instanzen jeweils eigene Administratoren haben und kleiner und dadurch übersichtlicher sind. In einer Instanz, in der viele Rechtsextreme aktiv waren, haben Administratoren bereits durchgegriffen und sie gesperrt. Das heißt, die Mitglieder konnten nicht mehr mit Menschen in anderen Instanzen kommunizieren, sondern nur noch untereinander. Zudem haben die Administratoren der Instanzen die Möglichkeit, einzelne User rauszuwerfen. Ein @realDonaldTrump hätte vermutlich auf Mastodon keine große Zukunft.

Reference-www.sueddeutsche.de

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