Krach um den Aufsichtsrat beim Versicherer Volkswohl Bund

Krach um den Aufsichtsrat beim Versicherer Volkswohl Bund

Darf ein Manager, der nach Ansicht seiner Kritiker einen Versicherungskonzern sehenden Auges in eine schwere Krise geführt hat, Aufsichtsratsvorsitzender eben dieses Konzerns werden? Über diese Frage gibt es Streit in Dortmund.

Auf den ersten Blick handelt es sich um einen ganz normalen Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats. Beim mittelgroßen Versicherer Volkswohl Bund ist Rainer Isringhaus, 74, ausgeschieden, ein Jahr vor dem Ablauf seiner Amtszeit. Neuer Vorsitzender ist Joachim Maas, 66 Jahre alt und bis 2017 Chef des Unternehmens.

Geheime und nicht so geheime Papiere

Doch hinter der dürren Meldung steckt eine heftige Auseinandersetzung, die mit geheimen und nicht so geheimen Papieren, Sondersitzungen der Gremien und zahlreichen persönlichen Gesprächen geführt wurde. Intrigantenstadl auf hohem Niveau.

Der Streit legt ein Problem vieler Versicherer offen: Sie sind keine Aktiengesellschaften, sondern Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, also Genossenschaften. Allerdings haben die Mitglieder vergleichsweise wenig zu sagen. In Wirklichkeit sucht der Vorstand die Mitgliedervertreter aus, die ihn dann kontrollieren sollen. Von echter Beaufsichtigung kann keine Rede sein.

Der ausscheidende Aufsichtsratschef Isringhaus hält nicht viel von seinem Nachfolger und dessen Arbeit als früherer Chef. Er wirft in einem Brief an die Mitgliedervertreter, datiert auf den 7. April 2022, der aktuellen Unternehmensführung unter Dietmar Bläsing vor, beim Spitzenpersonal nicht die Besten zu suchen, sondern immer auf internen Lösungen zu bestehen. “In Köln sprechen wir von Klüngeln”, schreibt er.

Er spricht von einem Desaster der Konzernführung durch Maas. Es sei mit der Einführung der neuen Aufsichts- und Eigenkapitalregeln Solvency II ans Licht gekommen, die 2016 in Kraft traten und schon Jahre vorher die Unternehmenspolitik bestimmten. “Im Jahr 2015 befand sich der Volkswohl Bund in einer existenzbedrohenden Krise”, schreibt Isringhaus. “Mein Ziel war und ist es, in der Wirtschaft völlig übliche Standards auch beim Volkswohl Bund einzuführen, um zu verhindern, dass die Strukturen, die zu der Krise führten, erneut Einzug halten.”

Isringhaus weiß, wovon er schreibt. Der Mathematiker war von 1992 bis 2007 Vorstandsmitglied der Kölnischen Rückversicherung, heute Gen Re, und verantwortete dort den Bereich Lebensversicherung. 2008 wurde er Aufsichtsrat beim Volkswohl Bund, 2014 dessen Vorsitzender. Zur Krise in Dortmund schreibt er: “So fehlten im Jahr 2015 mehr als zwei Milliarden Euro an Solvenzkapital, wodurch das Unternehmen unter eine intensivierte Aufsicht der Bafin fiel, was zur Folge hatte, dass der Vorstand halbjährliche Sachstandsberichte an die Behörde liefern musste.”

Der Konzern kommt auf rund 1,7 Milliarden Euro Umsatz, davon 1,6 Milliarden Euro in der Lebensversicherung. Da sind zwei Milliarden Euro Kapital, die fehlen, schon eine ordentliche Summe. Kein Wunder, dass die BaFin sich Sorgen um die Kundengelder machte.

Damals hatte der Vorstand beschlossen, eine neue Tochtergesellschaft zu gründen, die Dortmunder Leben. “Dieser Schritt schien notwendig, weil berechtigte Sorge bestand, der Muttergesellschaft könne jederzeit die Genehmigung zur Zeichnung von Neugeschäft entzogen werden,” interpretiert Isringhaus die Entscheidung.

Verantwortlich für die missliche Lage sei damals Konzernchef Maas gewesen, behauptet Isringhaus. Er habe das Unternehmen nicht nur sehenden Auges in die Krise geführt, sondern diese in der Folge auch ungeschickt gemanaged. “Ich kann daher nicht leugnen, dass ich Herrn Dr. Maas aufgrund seiner Vorgeschichte für nicht geeignet halte, mir als Aufsichtsratsvorsitzender nachzufolgen.” Isringhaus tritt in dem Brief für ein Auswahlverfahren ein, das auch externe Kandidaten einbezieht.

Weder der Volkswohl Bund noch Isringhaus wollen über die Vorgänge reden. Aber in einer Web-Konferenz am 8. April 2022 konnte Unternehmenschef Bläsing die Mitgliedervertreter überzeugen, dass an den Vorwürfen nichts dran sei oder sie jedenfalls nicht entscheidend seien. Im Protokoll der Web-Konferenz wird vermerkt, laut Bläsing habe es vor sechs Jahren keine existenzbedrohende Krise gegeben.

Alles in Ordnung also in Dortmund. Am Donnerstag dieser Woche wurde Joachim Maas zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt.

Reference-www.sueddeutsche.de

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