Palmöl: Wieso es wenig hilft, im Supermarkt auf Palmöl zu achten

Palmöl: Wieso es wenig hilft, im Supermarkt auf Palmöl zu achten

Es gibt zum Thema “bewusster Konsum” die Faustregel: Irgendeiner zahlt immer die Differenz. Das ist den meisten Käuferinnen und Käufern auch bekannt. Wer sich beim Klamottendiscounter einkleidet, fördert Niedriglohnarbeit in Ländern der Dritten Welt. Wer Billigfleisch kauft, soll sich mitverantwortlich fühlen für Massentierhaltung. Und wer im Supermarkt zu einem der vielen, vielen Produkte greift, die Palmöl enthalten, unterstützt Brandrodungen sowie Tier- und Menschenleid in Indonesien und Malaysia.

Auch als bewusster Verbraucher kann man nicht immer an alles denken, und selbst wenn: Die Probleme sind meistens komplexer, als dass sie mit einer Kaufentscheidung zu lösen wären. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in Bangladesch wollen nämlich T-Shirts zusammennähen, die Alternative wäre schlimmer. Auch die Landwirte auf Borneo bauen lieber Palmöl-Palmen an, als Zuckerrohr oder Kautschuk, was landwirtschaftlich die Alternative wäre – und ökologisch fragwürdiger. Das Ergebnis solcher Überlegungen: Wer bewusst einkauft, bekommt oft gratis ein schlechtes Gewissen dazu.

In der sehr lustigen und daher dringend empfehlenswerten Netflix-Serie “The Good Place” geht es, grob gesagt, darum, dass Menschen für jede gute Tat Plus-Punkte bekommen, für jede schlechte werden welche abgezogen. Die Punkte entscheiden, ob man nach seinem Tod in den “Good Place” kommt – oder in die Hölle. Im Verlauf der Serie, Achtung: Spoiler!, fällt einem Dämon auf, dass es schon seit sehr langer Zeit kein Mensch mehr in den “Good Place” geschafft hat, obwohl die meisten es sehr dringend wollen. Und er findet heraus, warum das so ist: Mit jeder Kauf-Entscheidung, und wenn es nur eine Tomate ist, sammeln sie gleichzeitig so viele Negativ-Punkte ein, dass es unmöglich geworden ist, sein Konto im Plus zu halten. Die Welt ist zu komplex geworden, doch die gute Absicht zählt nicht. Was zählt, ist der Effekt.

Die gute Absicht ist aber das, auf was die Verbraucherinnen und Verbraucher in den vergangenen Jahren konditioniert wurden. Ein paar Cent mehr für die Eier aus Freiland-Haltung ausgeben, den Müll trennen, mehr Fahrrad fahren, damit Putin kein Geld mehr mit Treibstoff verdient. Das ist alles anständig, sinnvoll und als Symbol auch wichtig, gleichzeitig werden aber moralische Probleme auf Privathaushalte verlagert. Da gehören sie eigentlich nicht hin. Und ins Paradies kommt man auch nicht dafür.

Es ist doch so, dass man Wahlen abhält, um Menschen in Ämter zu führen, die dann Beraterstäbe in Ministerien beschäftigen, mit denen sie so hochkomplexe Themen behandeln können. Man nennt diese Menschen Politikerinnen und Politiker, und in den vergangenen Jahren waren sie meistens so darauf bedacht, die sogenannte Wirtschaft am Laufen zu halten, dass sie die Ampeln eher auf grün stellten, wenn es darum ging, Geschäfte zu machten. Auch wenn die Gewinne dann eben meistens bei denen hängen blieben, die das Geschäft machten – vor allem also bei den verarbeitenden Lebensmittel- und Kosmetikkonzernen. Es gab immer wieder mal Versuche, das Geschäft mit Palmöl zu regulieren, die erschöpften sich allerdings in relativ zahmen Zertifikaten.

Der indonesische Präsident Joko Widodo hat nun ein Ausfuhrverbot für Palmöl erteilt, weil der Stoff, von dem sein Land weltweit am meisten produziert, ausgerechnet dort zu teuer geworden ist. Das kann man als überregte Maßnahme eines Politikers werten, der zu sehr auf seine Umfragewerte achtet. Es bietet aber auch Gelegenheit, darüber nachzudenken, wieso man in deutschen Supermärkten als Verbraucher eigentlich auf den Produkten herumsuchen muss, um zu erfahren, ob sie Palmöl enthalten, und wieso da nicht ganz klar drauf steht, aus welchem Land es stammt. Und wieso nicht dafür gesorgt wird, dass Länder, die nachhaltig anbauen, ein besseres Zertifikat bekommen, als die, in denen Landraub und Brandrodung üblich sind. Da gibt es nämlich große Unterschiede, und sie sind seit Langem bekannt. Die Grünen, die derzeit noch viel komplexer Fragen klären müssen, haben unter anderem deswegen so viele Wähler gefunden, weil sie in diesen Fragen Kompetenz versprochen haben. Die Verbraucher können nur kontrollieren, aber nicht die Verantwortung tragen.

Reference-www.sueddeutsche.de

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