Siemens Energy: Wie Offshore-Strom an Land kommen soll

Es passiert nicht so oft, dass sich Vergangenheit und Zukunft so nahe kommen wie hier am Rande dieser südspanischen Stadt, wo die Sonne schon Ende April brennt. Zwei Fischer stehen mit nacktem Oberkörper an einer Mauer, schauen abwechselnd aufs Meer und in den tiefblauen Himmel hinein, hinter ihnen die alten Paläste von Cádiz, einer der ältesten Städte Westeuropas. Gegründet wohl schon um die 1000 vor Christus und Jahrhunderte später einer der wichtigsten Häfen der spanischen Flotte. Ein Handelszentrum, die Verbindung – heute würde man wohl sagen: Hub – zwischen alter und neuer Welt, ein Zentrum für Händler, Eroberer, Piraten und Abenteurer.

Schmale Gänge, enge Etagen: Ein bisschen wie bei Wolfgang Petersens Film “Das Boot”

Auf der anderen Seite im Hafen steht nun dieser gigantische gelbe Klotz. Ein Technik-Ungetüm in Gelb, eine Art Riesenbatterie auf Beinen. Tausende Tonnen schwer, ein Quader aus engen Gängen auf mehreren Etagen, ein Labyrinth aus Treppen, Kabeln, Schaltanlagen und Transformatoren, hochgezogen zwischen Kränen und alten Werfthallen. Man sollte noch einmal “Das Boot” von Wolfgang Petersen sehen, um ein Gefühl für das Innere dieser Anlage zu bekommen. Wer über die knapp drei Kilometer lange, futuristische Brücke Puente de la Constitución de 1812 über das Meer in Richtung Stadt fährt, sieht den Kasten weiter hinten im Sand stehen: Als einen Fremdkörper vor andalusischer Kulisse, den man hier in drei Jahren zusammengesetzt hat.

Siemens Energy: Die Altstadt von Cádiz: Früher brachen von hier die Schiffe in die Neue Welt auf - jetzt ist es ein Ort, an dem an der Energiewende gearbeitet wird.

Die Altstadt von Cádiz: Früher brachen von hier die Schiffe in die Neue Welt auf – jetzt ist es ein Ort, an dem an der Energiewende gearbeitet wird.

(Foto: Robert B. Fishman/imago)

Aber lange wird er nicht mehr hier stehen, dieser Koloss von Cádiz: Man wird ihn irgendwann hochwuchten, auf ein Schiff stellen, das Iron Lady heißt, und vor die deutsche Nordseeküste bringen. Dort wird die Riesenbox dann irgendwo vor Norderney auf ein massives Stahlgerüst mit tonnenschweren Metallstangen gestellt, das tief in den Meeresboden eingelassen wird. An die 30 Jahre könnte der Koloss mit dem etwas ungewöhnlichen Namen “DolWin kappa” dann dort stehen bleiben. 53 Meter über dem Meer, ein Lieferant für Strom für Hunderttausende Haushalte, von 2023 an.

Der Trick für lange Strecken: Wechselstrom wird in Gleichstrom umgewandelt

Riesenblöcke wie “DolWin kappa” braucht es, um die Energie der Windparks auf hoher See (Offshore) zu sammeln, zu bündeln und über riesige Kabel weiter an Land zu transportieren. Für einen möglichst effizienten Transport über lange Strecken wird hier der Wechsel- in Gleichstrom umgewandelt. Wenn Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) also plant, bis 2030 mindestens 80 Prozent des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien zu ziehen, dann braucht es solche gelben Blocks wie den aus Andalusien. Windparks sind per se schon eine ziemlich komplizierte Sache. Sogenannte Konverterstationen, die den Strom übertragen und an Land bringen, noch mal etwas ganz anderes.

Siemens Energy: 11000 Tonnen schwer, ganz in gelb und mit der Anmutung einer Riesenbatterie: Die Konverterstation, die von Siemens Energy mit Stromübertragungs-Technologie ausgerüstet wird.

11000 Tonnen schwer, ganz in gelb und mit der Anmutung einer Riesenbatterie: Die Konverterstation, die von Siemens Energy mit Stromübertragungs-Technologie ausgerüstet wird.

(Foto: oh)

Wenn der Hafen von Cádiz vor Hunderten von Jahren also mal für den Aufbruch zum amerikanischen Kontinent stand, dann steht die Plattform “DolWin kappa” heute für einen ganz anderen Aufbruch: Den in die Energiewende. Und mitten drin in dieser großen Transformation: ein großer deutscher Energietechnikkonzern.

Manager, die “besorgt auf die Ukraine” schauen

Und so sitzen an diesem Tag in einem Hotel am Rande der Altstadt von Cádiz zwei Manager. Der eine heißt Tim Holt und ist Vorstand für Energieübertragung bei Siemens Energy, der andere Tim Meyerjürgens, Manager beim Netzbetreiber Tennet. Die beiden sind Partner beim Bau der Station, die zusammen mit dem spanischen Konzern Dragados hochgezogen wird. Und sie sagen, dass sie “besorgt auf die Ukraine” schauen.

Siemens Energy: Die Plattform von oben - bald wird sie in der Nordsee stehen. Im Hintergrund: Die Brücke "Puente de la Constitución de 1812".

Die Plattform von oben – bald wird sie in der Nordsee stehen. Im Hintergrund: Die Brücke “Puente de la Constitución de 1812”.

(Foto: oh)

In normalen Zeiten hätte man an dieser Stelle sehr lange über Kohle- und Atomausstieg diskutieren können, und über die Notwendigkeit einer zügigen Energiewende. Aber nun herrscht seit zwei Monaten Krieg in Europa, und Wirtschaftsminister Habeck sagt, dass die Abhängigkeit von russischem Gas noch bei 35 Prozent liege. Das kann man nun wenig finden, vor nicht allzu langer Zeit hatte Deutschland noch 55 Prozent seiner Erdgasimporte aus Russland bezogen. Aber 35 Prozent sind immer noch 35 Prozent. Die Manager sagen, dass das, was gerade passiere, “ein turning point für Deutschland” sei, also ein Wendepunkt. Dies alles zeige, dass man unabhängig sein müsse. Offshore-Windkraft werde “eine entscheidende Rolle spielen”, um unabhängig von fossilen Energieträgern zu werden. Der Siemens-Energy-Manager Holt hat noch eine Botschaft mitgebracht, wenn auch eine unbequeme: Alle müssten sich bald “daran gewöhnen, höhere Preise für Elektrizität zu zahlen”. Denn umsonst sei der Umstieg nicht zu haben. In der Theorie klingt das alles vernünftig, aber in der Praxis ist das gar nicht so einfach.

Zu viele, zu lange Verfahren

Nicht nur, weil höhere Strompreise ja immer unpopulär sind. Auch die Energiewende-Bürokratie ist nicht immer leicht zu vermitteln. Zulassungen, Genehmigungsverfahren, Planfeststellungsverfahren, Verordnungen – die Akzeptanz ist hier der Haken, und die Frage auch hier, wie so oft: Lassen sich große Infrastrukturprojekte überhaupt in Deutschland machen? Als Offshore-Manager hat man da grundsätzlich schon mal eine ganz gute Position: Je weiter im Meer so ein Windpark steht, je weiter weg sich die Windturbinen drehen, desto größer ist die Akzeptanz in der Bevölkerung: Windkraft ist klasse, Hauptsache nicht auf dem Hügel gegenüber vom eigenen Garten. Oder, wie es Siemens-Energy-Manager Holt sagt: “Wenn ein Vogel von einer Windturbine getötet wird, sehen Sie das sofort.”

Siemens Energy braucht die eigene Energiewende

Kohle ist nicht mehr erwünscht, Atomkraft auch nicht, Gas aus Russland hat seine Unschuld längst verloren – was also tun? Schneller machen, sagen die Manager aus Deutschland. Man sehe immer noch Genehmigungsverfahren, die zehn Jahre dauerten. “Wenn wir das nicht schaffen, dann scheitert die Energiewende”, sagt Holt. Eine klare Ansage. Allerdings muss es nicht nur die Gesellschaft jetzt schaffen – auch Siemens Energy selbst. Denn dem Konzern muss im Kleinen das gelingen, was auch die Gesellschaft im Großen und Ganzen hinbekommen muss: die Energiewende.

Siemens Energy: Das Innere der Plattform, ein bisschen wie aus einem Science-Fiction-Film: Von hier aus soll grüne Windenergie über 90 Kilometer an Land gebracht werden.

Das Innere der Plattform, ein bisschen wie aus einem Science-Fiction-Film: Von hier aus soll grüne Windenergie über 90 Kilometer an Land gebracht werden.

(Foto: oh)

Eigentlich ist der Markt überschaubar: Siemens Energy gilt bei diesen Projekten auf der technologischen Seite als Marktführer, dann ist da noch der japanische Hitachi-Konzern, außerdem der ewige US-Rivale General Electric. Allerdings, heißt es im Unternehmen, würden sich längst auch chinesische Anbieter in Stellung bringen. Keine einfache Situation für europäische Partner und Planer: Die Stationen gelten als kritische Infrastrukturen, man muss sich in diesen Zeiten also genau überlegen, mit wem man seine Energieanlagen baut.

Wenige Spieler, und doch alles sehr komplex, Geschäft ist Geschäft: Für Siemens Energy ist es nicht ganz unwichtig, wie es damit weitergeht. Denn das, was im Hafen vor Südspanien gebaut wird, entscheidet auch über die Zukunft des Unternehmens. Sieben dieser Offshore-Konverter-Plattformen hat der Konzern im Einsatz, drei weitere seien in Arbeit, heißt es. Viele weitere sind weltweit geplant.

Ausgerechnet das Windgeschäft läuft nicht

Für das börsennotierte Unternehmen, das noch bis vor Kurzem zum Siemens-Konzern gehörte, also ein interessanter Zukunftsmarkt. Anfangs hieß es, dass das Unternehmen mit seinen Konverterstationen rote Zahlen schrieb, inzwischen soll der Bau der Großanlagen profitabel sein und weiter ausgebaut werden, trotz der langen Zulassungs- und Prüfungszeiten. Was den Konzern gerade vor allem belastet: Ausgerechnet das Geschäft mit erneuerbaren Energien. Siemens Energy kommt traditionell aus dem alten Kohle-, Öl- und Gasgeschäft – jene fossilen Bereiche also, die auf kurz oder lang eine immer geringere Rolle spielen werden und spielen müssen.

Ausgerechnet die spanische Windenergie-Tochter Siemens Gamesa aber, an der die Deutschen gut zwei Drittel halten, hat seit Langem Probleme. Gewinnwarnungen, Managementwechsel, Prognosen nicht erfüllt – die Probleme der Windkrafttochter aus Spanien schlagen immer wieder auch auf den Gesamtkonzern durch. Dabei sind Lieferengpässe wegen der Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine nur ein Teil des Problems. Vieles von dem, was bei Gamesa gerade schiefläuft, ist hausgemacht und wird von Insidern auch auf kulturelle Differenzen zwischen spanischem und deutschem Management zurückgeführt. Einige meinen, Siemens Energy sollte die Tochter vielleicht besser komplett übernehmen, um die Probleme in den Griff zu kriegen. Dies aber würde den Konzern Milliarden kosten. So bleibt diese bittere Note nun schon seit Monaten am Unternehmen hängen: Überall ist Energiewende, aber ausgerechnet Deutschlands großer Energietechnik-Anbieter Siemens Energy tut sich schwer damit, aus seiner Windenergie-Tochter ein profitables Geschäft zu machen.

Daher ist diese gelbe Riesenbatterie, die da vor Cádiz steht, nicht ganz unwichtig für den Konzern. Es sei eben doch wichtig, Energie von A nach B zu bringen, sagt Vorstand Holt. Was in jedem Fall schon mal für kein schlechtes Geschäftsmodell spricht. Draußen in den Windparks nützt einem der Strom eben nichts, wenn man ihn an Land braucht.

Reference-www.sueddeutsche.de

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