Workation: Wie die Urlaubspiraten arbeiten, wo es ihnen gefällt

Auf Kreta waren die Rücken- und Nackenschmerzen auf einmal weg. Carlo Speth stand zwischen fünf und sechs Uhr morgens auf, viel früher als zu Hause in Berlin, und wenn er sich gegen acht Uhr an den Rechner setzte, hatte er bereits eine Runde Yoga oder Stand-Up-Paddling hinter sich. “Ich habe schon super viele Dinge für mich gemacht, bevor ich überhaupt in den Arbeitstag gestartet bin”, erzählt der 32-Jährige, der vor Kurzem mehrere Wochen von der griechischen Insel Kreta aus gearbeitet hat. “Das wirkte sich auch insgesamt auf die Produktivität aus.”

Speth ist beim Reise-Schnäppchenportal Urlaubspiraten angestellt. Seit der Pandemie erlaubt dessen Chef David Armstrong seinen Mitarbeitern, zu arbeiten, von wo aus sie wollen. Das können auch Orte im Ausland sein, an die sie früher nur in den Ferien gefahren sind. “Wir sind ein Reiseunternehmen, das Thema Reisen ist in unserer DNA verankert”, sagt Armstrong. “Viele, die bei uns arbeiten, sind passionierte Traveller. Für die ist das jetzt ein Traumjob.”

Für viele Menschen wäre es ein Traumjob, wenn sie ihre Arbeit unter Palmen oder am Bergsee erledigen könnten. Das Konzept, Arbeit (work) und Urlaub (vacation) miteinander zu verbinden, wird auch Workation genannt. Arbeitgeber, die sich darauf einlassen, bieten ihren Angestellten einen Vorzug, den sonst nur Freiberufler genießen, die zum Teil schon vor der Pandemie als digitale Nomaden mit ihrem Arbeitslaptop um die Welt gereist sind. Eine vom Zimmerbuchungs-Portal Airbnb in Auftrag gegebene Umfrage in Deutschland hat ergeben, dass fast zwei Drittel mit mehr Flexibilität rechnen, wenn es darum geht, wann und wie sie reisen. Und dass mehr als die Hälfte Beruf und Freizeit mehr miteinander verbinden möchte. Warum zögern dann viele Unternehmen, diesen Wunsch zu erfüllen und die Leute von überall arbeiten zu lassen? Und sind Workation-Angebote für die Mitarbeitenden wirklich gut?

Anders arbeiten: "Auf Kreta hatte ich selbst in der letzten Bucht dank Glasfaseranschluss besten Internetempfang", sagt Carlo Speth über seinen Workation-Aufenthalt in Griechenland.

“Auf Kreta hatte ich selbst in der letzten Bucht dank Glasfaseranschluss besten Internetempfang”, sagt Carlo Speth über seinen Workation-Aufenthalt in Griechenland.

(Foto: Urlaubspiraten)

Jeder Mitarbeiter lebt die neue Freizügigkeit anders aus

Für das Interview mit der SZ hat Urlaubspiraten-Chef Armstrong einen kleinen Besprechungsraum beim Coworking-Space-Anbieter Wework in München reserviert. Ein halbes Jahr nach Pandemiebeginn sei der Mietvertrag des 3000-Quadratmeter-großen Firmenbüros in Berlin Mitte ausgelaufen. Er habe ihn nicht verlängert, auch weil die Miete 80 Prozent teurer geworden wäre. Stattdessen hat er einen Vertrag mit Wework abgeschlossen. Seitdem dürfen seine rund 120 Mitarbeiter weltweit von allen Coworking-Büros des amerikanischen Anbieters arbeiten, alternativ auch am Hotelpool oder so gut wie an jedem anderen Ort, an dem sie produktiv sein können.

Wie die neue Freiheit genutzt wird, sei ganz unterschiedlich: Da ist die Kollegin, die sich für einen Monat ein kleines Zimmer in Madrid gemietet hat und regelmäßig ins Coworking-Space gegangen ist. Oder die italienische Kollegin mit zwei kleinen Kindern, die froh ist, dass sie jetzt in jeden Schulferien zu ihren Eltern in die Heimat fahren kann. So muss sie viel weniger Urlaubstage aufbrauchen, um die betreuungsfreie Zeit zu überbrücken, weil die Oma sich um den Nachwuchs kümmert. Oder der Kollege, der temporär von Argentinien aus arbeitet und jede zweite Woche nur halbtags arbeitet, um keinen Stress durch die Zeitverschiebung zu haben und gleichzeitig mehr vom Land sehen zu können.

Anders arbeiten: "Es geht nicht mehr nur ums Gehalt, sondern es gewinnt auch anderes mehr und mehr an Bedeutung", sagt Urlaubspiraten-Chef David Armstrong über die Prioritäten seiner Mitarbeiter.

“Es geht nicht mehr nur ums Gehalt, sondern es gewinnt auch anderes mehr und mehr an Bedeutung”, sagt Urlaubspiraten-Chef David Armstrong über die Prioritäten seiner Mitarbeiter.

(Foto: Urlaubspiraten/oh)

Es sei jedoch nicht so, als seien ständig alle unterwegs, betont Armstrong. Zehn bis 15 seiner Angestellten würden die Möglichkeit, aus dem Ausland zu arbeiten, sehr stark nutzen, die meisten anderen nur gelegentlich. Armstrong verspricht sich von der Flexibilität vor allem einen Vorteil im Wettstreit um die besten Talente. Er ist mit 51 Jahren mit Abstand der Älteste im Unternehmen, das Durchschnittsalter liegt unter 30. “Die wenigsten Millennials und noch weniger der Generation Z stellen sich heute noch einen Job vor, für den sie jede Woche ins Büro kommen müssen”, ist Armstrong überzeugt. “Es geht nicht mehr nur ums Gehalt, sondern es gewinnt auch anderes mehr und mehr an Bedeutung.”

Nur wenige Unternehmen erlauben bislang Arbeiten aus dem Ausland

Die meisten Unternehmen scheuen sich jedoch noch vor dem administrativen Aufwand, der auf die Personal- oder Steuerabteilung zukommt, wenn sie ihren Mitarbeitern mobiles Arbeiten jenseits der Landesgrenzen des Firmensitzes erlauben. “Dabei geht es zum Beispiel um Themen wie Einkommensteuer und Sozialversicherung, aber zum Beispiel auch um die Frage, ob die Tätigkeit im Ausland eine steuerliche Betriebsstätte kreiert”, erklärt Petra Raspels, Partnerin bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC und Expertin für strategisches und operatives Personalmanagement. Die meisten Arbeitgeber, die sich darauf einlassen, würden ihre Workation-Angebote bislang auf das europäische Ausland beschränken und meist nur für etwa zwei bis vier Wochen genehmigen. Um den Aufwand überschaubar zu halten, empfiehlt Raspels, eine Liste mit Ländern zu erstellen, für die die Personal- und Steuerabteilung die jeweils geltenden Gesetze bereits geprüft haben. So können Firmen sich sowohl selbst absichern, als auch ihren Angestellten einen Überblick geben, welche Orte für einen Auslandsaufenthalt überhaupt infrage kommen. “Noch gibt es keine konkreten Zahlen dazu, wie viele Arbeitgeber ihren Mitarbeitern Workation ermöglichen, dafür ist das Thema noch zu neu”, sagt Raspels. “Aber es werden mehr. Und dieser Trend ist aus meiner Sicht nicht aufzuhalten.”

Die zufälligen Begegnungen an der Kaffeemaschine fallen weg

Was die alltägliche Arbeit angeht, sei die Umstellung gar nicht so groß, sagt Armstrong. Intern tauschen sich die Mitarbeiter über Zoom-Videokonferenzen oder den Instant-Messaging-Dienst Slack aus. Sie hätten bereits vor der Pandemie sehr viel häufiger miteinander gechattet als direkt miteinander zu sprechen, selbst wenn sie im gleichen Büro saßen. “Auch wenn die Leute sich natürlich schon vermisst haben”, sagt Armstrong. Denn das ist ein Nachteil des Arbeitens aus der ganzen Welt: die zufälligen Begegnungen an der Kaffeemaschine, die spontanen Verabredungen zum Mittagessen, alles, was den Büroalltag früher eben auch ausgemacht hat, fallen weg. Doch dabei gebe es keinen Unterschied, ob die Mitarbeitenden in der Workation auf Kreta oder in Berlin im Home-Office sind. Und selbst wenn sie ins Coworking Space gehen, wissen sie oft gar nicht, welcher Kollege am gleichen Tag vorbeischaut.

Obwohl die Wework-Bürokette weltweit etwa 750 Standorte anbietet, nutzen nur wenige Urlaubspiraten-Mitarbeiter das Angebot, erzählt Armstrong, denn die meisten Coworking-Spaces liegen in Städten und nicht am Strand. “Zum Beispiel auf Kreta hatte ich selbst in der letzten Bucht dank Glasfaseranschluss besten Internetempfang”, sagt Carlo Speth. Zum Videocall meldet er sich dieses Mal aus seinem alten Kinderzimmer im Haus seiner Eltern in der Nähe von Frankfurt. Für ein paar Tage arbeitet er nun von hier, um “die Küche der Mama zu genießen”. Damit das Arbeiten von überall funktioniert, gäbe es eine Grundregel, sagt er: “Solange es einem selbst nicht schadet, dem Team nicht schadet und dem Unternehmen nicht schadet, ist alles okay.”

“Es bringt heute nichts mehr, zu einem starren System zurückzukehren”, sagt Armstrong. “Ich glaube, die Unternehmen, die gerade versuchen, ihre Mitarbeiter wieder für zwei bis drei Tage in der Woche zum Arbeiten ins Büro zu zwingen, bekommen alle Probleme.” Er ist überzeugt, dass die Produktivität seiner Mitarbeiter durch die neue Freiheit insgesamt sogar gestiegen ist. Schließlich falle das zeitfressende “ungewollte Socializen” weg, wenn die meisten nur noch gelegentlich ins Büro kommen.

Es sei jedoch nicht so, als wolle er seine Angestellten gar nicht mehr sehen, erzählt der Urlaubspiraten-Chef. Einmal im Quartal gibt es ein großes Meeting, zu dem alle kommen sollen, mit Vorträgen und Diskussionen am Tag und Party am Abend. Er denke auch darüber nach, bald wieder ein eigenes, kleineres Firmenbüro in Berlin anzumieten mit Platz für eine Tischtennisplatte, Dartscheiben und einem Kicker. “Ein Büro ist heute ein Ort der Zusammenkunft und der Begegnung”, sagt Armstrong. Es gehe in seinen Augen darum, sich zu treffen und “Quality Time” miteinander zu verbringen. Das klingt fast ein bisschen so wie bei anderen, wenn sie über Urlaub sprechen.

Reference-www.sueddeutsche.de

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