Wie das Start-up 1Komma5° Gebäude klimaneutral machen will

Klein geht nicht. Philipp Schröder, 38, denkt immer groß. Er war der erste Deutschland-Chef von Elon Musks E-Autofirma Tesla. Und jetzt soll sein eigenes Start-up groß werden. Es heißt 1Komma5°, und das sagt schon viel über Schröders hehre Absichten aus. Das im Juli 2021 in Hamburg gegründete Start-up will einen Beitrag dazu leisten, das Ende 2015 im Pariser Klimaabkommen gesetzte Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Prozent im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, zu erreichen. 1Komma5° sieht sich in der stark wachsenden Gruppe der Clean Techs, das sind junge Unternehmen, die mit “sauberen Technologien” und Dienstleistungen Effizienz und Produktivität steigern und dabei Emissionen senken und Ressourcen schonen wollen.

“Wir versuchen in industriellem Maßstab, skalierfähig die Installation so zu organisieren, dass möglichst viele Gebäude so schnell wie möglich CO₂-neutral werden”, sagt Schröder: “Das ist eine Schweinearbeit, weil sie sich noch keiner gemacht hat.” Schröder nutzt gezielt die Buzzwörter der Gründerszene und scheut keinen Maßstab, mag er noch so groß sein. “Es ist ein wenig wie Amazon in der Logistik und Ford in der Autoindustrie, die zum ersten Mal versucht haben, Prozesse in ihrer Branche zu industrialisieren.” In Schröders Idealfall haben Gebäude Solarpaneele auf dem Dach, Wärmepumpe, Batterien für die Speicherung von Energie, Ladesäule fürs Auto und den passenden Stromtarif. Alle Geräte sollen vernetzt sein und werden über einen zentralen Rechner gesteuert. Er solle dafür sorgen, dass Strom am besten dann verbraucht werde, wenn der Preis an der Leipziger Strombörse günstig oder sogar negativ ist, weil Solar- und Windparks oft im Überfluss liefern. “Wir sind lizenzierter Energieversorger”, sagt Schröder.

Gründerszene: Der zentrale Rechner, über den alle Geräte im Gebäude gesteuert werden sollen, heißt Heartbeat.

Der zentrale Rechner, über den alle Geräte im Gebäude gesteuert werden sollen, heißt Heartbeat.

(Foto: oh)

Einen Namen hat der Rechner, der vergangene Woche vorgestellt wurde, auch schon: Heartbeat, übersetzt Herzschlag. Das Gerät ist ein quadratischer, flacher Kasten, 15 mal 15 Zentimeter groß. Die Software dafür entwickelt das Start-up selbst. Um die Geräte zu vernetzen, müssen deren Hersteller ihre Schnittstelle freigeben, “einige tun das bereits”, sagt Schröder. Mit einigen habe 1Komma5° Kooperationen geschlossen, wie zum Beispiel mit dem US-Konzern Enphase für die Wechselrichter der Solaranlage oder für Speicher mit der deutschen Shell-Tochter Sonnen, deren Geschäftsführer Schröder mal war. “Wenn die Energiewende gelingen soll, dann braucht es Speicher und eine intelligente Vernetzung, um die Volatilität in der Versorgung mit Strom aus Solar- und Windparks auszugleichen”, sagt Schröder.

Zu den Investoren zählen vermögende Familien

Neben der digitalen Seite hat sein Geschäft eine sehr analoge. Als Holding beteiligt sich 1Komma5° an Firmen des Elektrohandwerks, denn irgendeiner soll all die Anlagen installieren, die Gebäude effizienter machen sollen. Im Gegenzug erhalten die alten Eigentümer eine Beteiligung an der Holding. Welche Preise er für die Beteiligungen an Handwerksbetrieben zahlt, will Schröder nicht preisgeben. Er suche Betriebe zwischen fünf und 20 Millionen Euro Umsatz. Um von fossilen und atomaren Energieträgern für die Versorgung mit Strom und Wärme wegzukommen, veranschlagt Schröder die Investitionskosten für ein Einfamilienhaus auf 70 000 bis 80 000 Euro. “Um das 1,5-Grad-Ziel bis 2035 zu erreichen, sei das heutige Handwerk nicht aufgestellt, und seine Kapazitäten seien nicht ausreichend”, behauptet Schröder. Der Markt sei fragmentiert.

In Deutschland hat sich das Start-up unter anderem an Ibeko-Solar mit Standorten in München und Kolbermoor beteiligt und Quadt Energy aus Lingen. Die Zahl der Standorte in Deutschland und Schweden beziffert Schröder auf 16, die Zahl der Mitarbeiter in der Gruppe auf rund 500 Mitarbeiter, davon rund 50 in der Holding. 2022 will Schröder mehr als 200 Millionen Euro umsetzen.

Gründerszene: Mit der Shell-Tochter Sonnen hat 1Komma5° eine Kooperation. Sie stellt unter anderem Batterien zur Speicherung von erneuerbaren Energien her.

Mit der Shell-Tochter Sonnen hat 1Komma5° eine Kooperation. Sie stellt unter anderem Batterien zur Speicherung von erneuerbaren Energien her.

(Foto: oh)

“Über kurz oder lang sollen alle Handwerksbetriebe unter der Marke 1Komma5° firmieren”, so Schröder. Die Holding übernehme zentrale Dienstleistungen, etwa in Logistik und Marketing, im Einkauf oder in der Mitarbeitergewinnung, sie koordiniere die Einsätze der Gewerke beim Kunden und digitalisiere den ganzen Prozess. “Wir machen aus bösen Elektrikern gute”, sagt Schröder: “Wir optimieren die Kapazitäten und können so günstiger anbieten.” 2030 wolle 1Komma5° eine halbe Million Einfamilienhäuser klimaneutral machen, das wären bis zu 15 Milliarden Euro Umsatz.

Von Elon Musk hat er gelernt, dass es in Ordnung ist, den unbedingten Willen zur Leistung “ungeniert” auszuleben.

Bei Geldgebern kommt 1Komma5° gut an. Seit der Gründung haben Investoren rund 300 Millionen Euro in das Start-up gesteckt. “In der nächsten Rund möchten wir dann die Bewertung von einer Milliarde Dollar knacken”, sagt Schröder. 1Komma5° würde dann zu einem Unicorn, einem Einhorn, wie besonders wertvolle Start-ups in der Szene heißen. Zu den Geldgebern gehören eCapital, Eurazeo, Porsche Ventures und btov ventures sowie Vermögende, darunter die Familien Haniel, Wacker, Krecke und Jan Klatten. Er selbst halte noch die Mehrheit an der Firma, sagt Schröder. Einen Börsengang schließt er nicht aus, “2023/24 vielleicht”, wenn es opportun sei, denn 1Komma5° brauche viel Kapital für das Wachstum. “Ich bin Klimawirtschaftsaktivist”, sagt Schröder: “Wenn man etwas bewirken will, muss man kapitalmarktfähig sein.”

Zwar mag Schröder nicht ständig auf Musk angesprochen werden, “weil die ständigen Fragen nach Persönlichem nerven”. Aber, so wirkt Schröder am Telefon, er scheint einiges vom Tesla-Chef gelernt zu haben. Den unbedingten Willen zur Leistung habe er schon gehabt, sagt Schröder, aber er habe gelernt, dass es in Ordnung ist, ihn “ungeniert” auszuleben. “Wir sehen uns hier als Leistungsteam”, sagt Schröder. Das sei wie im Sport. “Ohne Muskelkater kann ich kein Sixpack entwickeln. Entwicklung hat einen Preis und bereitet manchmal Schmerzen.” Wer nicht an einer “kontrollierten Überforderung” interessiert sei, möge bitte “zu RWE gehen oder sich einen Nine-to-Five-Job suchen. Ich kann den Leuten erklären, warum es sich lohnt, um Fünf aufzustehen.”

Reference-www.sueddeutsche.de

Related Post

Leave a Reply

Your email address will not be published.