Aufruhr beim Immobilienkonzern Adler

Dass die Sache ernst sein muss, zeigt schon der Zeitpunkt: Am Samstagabend verschickte der börsennotierte Immobilienkonzern Adler Group eine Salve von Pflicht- und Pressemitteilungen. Und so ungewöhnlich wie die Zeit war auch der Inhalt: Die Wirtschaftsprüfer von KPMG hatten dem Konzern- und Einzelabschluss von Adler einen sogenannten Versagungsvermerk aufgedrückt. Sie hätten sich nicht in der Lage gesehen ein Prüfungsurteil abzugeben, weil ihnen im Zusammenhang mit einigen Immobiliendeals wichtige Informationen nicht zugänglich gemacht worden waren. Zudem meldete die Adler Group wegen einer milliardenschweren Abschreibung auf ihren Immobilienentwickler einen Vorsteuerverlust von gut einer Milliarde Euro. Und schließlich seien auch noch alle Verwaltungsräte, die bereits im vergangenen Jahr an Bord waren, geschlossen zurückgetreten. Vom Management übrig blieb damit in diesem Moment erst einmal nur der im Februar berufene neue Verwaltungsratschef Stefan Kirsten.

Die einzig gute Nachricht war eigentlich, dass überhaupt ein Abschluss vorgelegt werden konnte. Denn der musste bis zum 30. April – also Samstag – vor Mitternacht veröffentlicht sein, sonst wären Anleihen über rund 4,4 Milliarden Euro fällig geworden. “Das hätte das Unternehmen an die Wand gefahren”, sagte Kirsten am Montagmorgen. So aber habe man, wenn auch auf den letzten Drücker, “mit der Vergangenheit abgeschlossen”.

Abgeschlossen haben am Montag auch viele Anleger – allerdings vor allem mit Adler. Die Aktie, die bereits seit Monaten heftig unter Druck steht und in der vergangenen Woche nochmals deutlich verloren hatte, brach am Montagmorgen regelrecht zusammen: Sie verlor erneut fast die Hälfte an Wert und notierte zwischenzeitlich auf einem Rekordtief von 3,89 Euro. Dass sie sich später um ein paar Cent erholte, war kaum der Rede wert.

Anlegerschützer bereiten Klagen vor

Zuletzt besaß Adler laut Geschäftsbericht noch gut 27 000 Mietwohnungen, die meisten in Berlin. Mehr als 40 000 Wohnungen hatte der Konzern mit Sitz in Luxemburg und Notierung im deutschen Nebenwerteindex S-Dax in den vergangenen Monaten verkauft. Wie viel die verbliebenen Immobilien nun wirklich wert sind, ist nun eine der zentralen Fragen, KPMG kommt hier zu deutlich niedrigeren Werten als Adler selbst.

Solch ein Versagungsvermerk sei “unglaublich selten”, sagte Bilanzexpertin Carola Rinker – im Fall von Adler sei er aber gerechtfertigt. Zu viele Fragen seien offen, vor allem hinsichtlich der Bewertung, aber auch was die Defizite in der Unternehmensführung und womöglich unsaubere Deals angeht. “Die Gewinne wurden in der Vergangenheit vor allem durch die Wertsteigerung der Immobilien in den Bilanzen erzielt”, so die Volkswirtin, die auch Sprecherin der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) ist. Ob Adler womöglich überschuldet sei, hänge deshalb maßgeblich vom Erlös der Häuser bei einem Verkauf ab. Da seien die Rahmenbedingungen zuletzt deutlich schlechter geworden. “Und Adler hat jetzt auch noch eine schlechte Verhandlungsposition, weil alle wissen, dass sie Geld brauchen.”

Die SdK prüft laut eigener Aussage Schadenersatzansprüche gegen das Unternehmen und seine Manager und ist dazu bereits mit zwei Prozessfinanzierern im Gespräch. Zudem würden strafrechtliche Konsequenzen sowie eine Anzeige bei der Abschlussprüfer-Aufsicht Apas geprüft.

Angriff eines berüchtigten Shortsellers

Das alles ins Rollen gebracht hatte der berüchtigte Shortseller Fraser Perring, das sind Investoren, die auf fallende Kurse setzen. Im Oktober hatte der Brite in einem Bericht seiner Analysefirma Viceroy schwere Vorwürfe erhoben. Darin ging es unter anderem um überbewertete Immobilien und heimliche Deals zugunsten des österreichischen Geschäftsmanns Cevdet Caner und ihm nahestehender Personen – zum Schaden von Aktionären und Anleihegläubigern. Adler und Caner hatten die Vorwürfe stets vehement bestritten, der Konzern gab eine Sonderprüfung in Auftrag, deren Ergebnisse vergangene Woche veröffentlich wurden.

Unternehmen: Vor seiner Zeit bei Adler war Stefan Kirsten unter anderem als Finanzchef am Aufbau des heutigen Dax-Konzerns Vonovia beteiligt.

Vor seiner Zeit bei Adler war Stefan Kirsten unter anderem als Finanzchef am Aufbau des heutigen Dax-Konzerns Vonovia beteiligt.

(Foto: Sepp Spiegl/imago/sepp spiegl)

Darin hatte Verwaltungsratschef Kirsten die Firma noch von den Vorwürfen entlastet gesehen. Der Sonderbericht von KPMG sei zwar “kein Freispruch erster Klasse”, systematischen Betrug und Täuschung habe es bei Adler aber gegeben. Was die Prüfer aber schon da bemängelten: Von etwa 3,9 Millionen Dokumenten seien ihnen rund 800 000 vorenthalten worden. Kirsten begründete das damit, dass diese Unterlagen womöglich dem Schutz des Verhältnisses zwischen Mandant und Rechtsbeistand unterliegen, sie herauszugeben hätte in den USA und Großbritannien große juristische Risiken bedeuten können. Eine detaillierte Prüfung aller Dokumente sei wegen der Eile unmöglich gewesen. “Das hat KPMG offenbar in hohem Maße irritiert und verärgert”, sagte Kirsten nun am Montag. “Der 30. April war für uns aber die wichtigere Deadline.”

Großaktionär Vonovia will sich erst auf der Hauptversammlung äußern

Bis zur Hauptversammlung Ende Juni will er nun vorerst mit einer Rumpftruppe des bisherigen Managements weitermachen. Das Tagesgeschäft soll der bisherige Co-Chef Thierry Beaudemoulin allein führen, ein neuer Finanzchef werde extern gesucht. Zudem sollten Thilo Schmid und Thomas Zinnöcker bis zum Aktionärstreffen im Verwaltungsrat bleiben. Alle Manager sollten sich dort dann zur Wiederwahl stellen.

Auf der Hauptversammlung will sich auch Adler-Großaktionär Vonovia zu Wort melden. Kurz nach dem Angriff Perrings hatte der Dax-Konzern dem damals wichtigsten Adler-Aktionär einen Kredit gewährt und im Gegenzug die Anteile als Pfand erhalten. Weil eine zusätzlich vereinbarte Barzahlung ausblieb, gingen kurz darauf gut 20 Prozent der Aktien an Vonovia über. Man kenne Kirsten aus seiner Zeit als Finanzchef bei Vonovia und sei der Auffassung, dass er sich um die Probleme in der Governance kümmert, sagte eine Vonovia-Sprecherin am Montag. Dass der Konzern aber erneut finanziell aushilft oder Adler gar übernimmt, scheint unwahrscheinlich. “Wir behalten uns alle Optionen offen und das schließt einen Verkauf der Aktien eindeutig mit ein”, hatte Vonovia-Chef Rolf Buch am Freitag auf seiner Hauptversammlung gesagt.

Reference-www.sueddeutsche.de

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