Corona: Wie der Lockdown in Shanghai deutsche Unternehmen trifft

Corona: Wie der Lockdown in Shanghai deutsche Unternehmen trifft

Vor dem weltgrößten Containerhafen Shanghai stauen sich Schiffe, auf den Straßen fahren weniger Lastwagen, Langstreckenflüge nach China entfallen: Die strengen Corona-Beschränkungen in chinesischen Großstädten stören internationale Lieferketten. Nun spüren mehr und mehr Unternehmen aus Deutschland die Folgen.

“Die Lockdowns in China sind in der Tat größer in den Auswirkungen für die Weltwirtschaft als der Krieg in der Ukraine”, sagt etwa Frank Appel, Chef der Deutschen Post. Unter deren Marke DHL konnte bestimmte Fracht zuletzt nicht nach China geflogen werden. Obwohl Beschäftigte teilweise in Betriebsstätten von DHL in China übernachtet haben, sei es schwierig, Sendungen von den Depots zum Flughafen in Shanghai transportiert zu bekommen. Erst seit dieser Woche fahre der Konzern wieder Inlandstransporte, sagt Finanzvorstand Melanie Kreis. Mit den Corona-Regeln versucht Shanghai seit vier Wochen, die ansteckende Omikron-Variante einzudämmen.

Dies fällt in eine Zeit, in der internationale Lieferketten ohnehin angespannt sind: Da weniger Passagierflugzeuge unterwegs sind als vor der Pandemie, fallen Frachtkapazitäten in den Bäuchen dieser Maschinen weg. Nachdem Russland seinen Luftraum für Flieger aus dem Westen gesperrt hat, sind Routen länger und teurer. Und auch per Güterzug lassen Firmen nun weniger Container auf dem Landweg durch Russland rollen. In der Folge sind Luft- und Seefracht deutlich teurer als vor der Corona-Krise und dem Angriff Russlands auf die Ukraine.

Während das für die Gewinnmargen der Post mit ihren DHL-Flugzeugen eine gute Nachricht ist, bangt die Industrie in Deutschland um Vorprodukte und Rohstoffe. So klagten in einer Umfrage des Ifo-Instituts jüngst drei Viertel der befragten Industriebetriebe über Beschaffungsprobleme. Ifo-Forscher Klaus Wohlrabe unkt: “Neben dem Krieg in der Ukraine bereitet der Blick nach China zunehmend Sorgen.” Schwierigkeiten melden demnach vor allem Unternehmen aus den Branchen Datenverarbeitung, Auto und Nahrungsmittel.

“Es macht uns alle ein bisschen unruhig”, sagt der Chef von Europas größtem Binnenhafen

Klar ist, dass sich Lockdowns in China mit Verspätung auswirken, da Schiffe für die Überfahrt nach Deutschland mehr als einen Monat brauchen. Und die Meere sind der wichtigste, weil bislang preisgünstigste Transportweg im weltweiten Containerverkehr.

Zuletzt hieß es, dass der große Hafen Shanghai noch mit 40 Prozent der üblichen Kapazität arbeite. Doch schon das beschert der internationalen Logistik deutliche Einbußen: “Dann bedeutet das, dass weltweit die Kapazitäten zweier Häfen wie Rotterdam und Antwerpen zusammengerechnet fehlen”, rechnet Markus Bangen vor, Chef von Europas größtem Binnenhafen in Duisburg. “Und wir müssen davon ausgehen, dass es in Wahrheit maximal 40 Prozent der Kapazität in Shanghai sind.”

Wie sich das auswirke, werde man in Europa in einigen Wochen sehen. “Seriös kann das noch niemand sagen”, sagt Bangen zwar, fügt aber an: “Es macht uns alle ein bisschen unruhig.” Der Duisport-Chef spricht da nicht nur für sein Drehkreuz, an dem Ladungen per Binnenschiff aus Rotterdam genauso anlanden wie per Eisenbahn aus China oder per Lastwagen aus dem Ruhrgebiet. “Es gibt wohl keinen großen Hafen der Welt, der nicht in signifikanten Mengen von China abhängig wäre”, mahnt Bangen.

Genau das kann man auch über viele Konzerne aus Deutschland sagen, die große Fabriken in China betreiben wie beispielsweise Covestro. Die frühere Bayer-Tochterfirma unterhält einen ihrer größten Produktionsstandorte mit 1400 Beschäftigten mitten in Shanghai. Das Dax-Unternehmen stellt beispielsweise Schaumstoff-Vorprodukte für Matratzen her oder Beschichtungsharze für Kabel. Voriges Jahr erwirtschaftete Covestro etwa 22 Prozent der Umsätze in China.

Die Deutsche Post nimmt erstmals mehr Geld mit Fracht ein als in allen anderen Sparten

Doch die Leverkusener erwarten, dass der Lockdown in Shanghai sie nun stärker und länger belasten werde als bislang angenommen. Zwar kann der Chemiekonzern versuchen, seine Beschäftigten in sogenannten Bubbles zu isolieren, also zeitweise von weiten Teilen der Außenwelt abschirmen. Dennoch spürt Covestro die Logistikprobleme in Shanghai und von Lieferanten; der Absatz geht zurück.

Das ist der Hauptgrund, warum das Unternehmen seine Gewinnprognose für dieses Jahr nun um ein Sechstel bis ein Fünftel nach unten korrigiert hat, zur Überraschung von Börsenanalysten. Hinzu kommen steigende Kosten für Energie und Rohstoffe sowie die Weltwirtschaft, die allgemein schwächer wachse als erwartet. An der Börse hat Covestro am Dienstag zeitweise um acht Prozent an Wert verloren. Analysten verweisen auch darauf, dass sich viele Abnehmer schon in den vergangenen Monaten mit Kunst- oder Schaumstoffen eingedeckt haben, um Lieferproblemen vorzubeugen.

Die Deutsche Post hingegen hält für den Moment an ihren Prognosen fest. China habe in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, wie schnell sich die Wirtschaft von Krisen erholen könne, sagt Vorstandschef Appel. Sobald Großstädte wie Shanghai die Corona-Beschränkungen deutlich lockern, dürfte logistisch einiges nachzuholen sein. Appel geht daher erst recht davon aus, dass die Preise für Luft- und Seefracht “auf sehr hohem Niveau” bleiben dürften. DHL erwartet, dass sich die Frachtmärkte frühestens Ende dieses Jahres normalisieren werden.

Bis dahin ändert die Ausnahmelage die Art und Weise, wie die Deutsche Post ihr Geld verdient. So hat in den ersten drei Monaten das internationale Geschäft mit Frachtflugzeugen, Seefracht und dem Landverkehr mit DHL-Lastwagen den höchsten Umsatz aller fünf Sparten des Logistikkonzerns eingefahren. Das hat es bei der Post, die vor allem für Briefe, Pakete und Expresssendungen bekannt ist, zuvor noch nie gegeben.

Reference-www.sueddeutsche.de

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