Zwei Frauen führen künftig den Dax-Konzern Fresenius Medical Care

Es war eine ziemliche Überraschung, als Carla Kriwet, 51, in der vergangenen Woche mitteilte, dass sie Europas größtem Hausgerätehersteller BSH verlassen werde, und zwar sehr plötzlich, schon zu Ende April. Kriwet war erst im Sommer 2020 – mitten in der Pandemie – Chefin des Unternehmens geworden, das mit Waschmaschinen, Kühlschränken, Herden und Küchenmaschinen der Marken Bosch, Siemens, Gaggenau und Neff einen Weltumsatz von fast 16 Milliarden Euro macht. Gerade erst hatte Kriwet für BSH Rekordzahlen verkündet, angesichts der viele Krisen aber auch gesagt: “Eines habe ich in den vergangenen Jahren gelernt. Es macht keinen Sinn vorherzusagen, was jetzt als nächstes kommt.”

Was für sie persönlich als nächstes kommt, steht jetzt zumindest fest. Kriwet soll spätestens Anfang 2023 neue Vorstandsvorsitzende des börsennotierten Medizinunternehmens Fresenius Medical Care (FMC) werden, wie das Unternehmen in der Nacht zu Mittwoch mitteilte. Das Dax-Unternehmen ist der weltweit führende Anbieter von Dialyseprodukten und -dienstleistungen. Die gebürtige Essenerin Kriwet, die Betriebswirtschaft studiert hat, wird an der FMC-Spitze Rice Powell, 66, ablösen. Der Amerikaner ist seit 2004 im Vorstand von FMC, bereits seit 2013 Vorstandschef und geht demnächst in den Ruhestand. Helen Giza, im Vorstand für Finanzen zuständig, wird zusätzlich stellvertretende Vorstandsvorsitzende, sie hat die britische und amerikanische Staatsbürgerschaft. Damit wird ein Frauen-Duo das Unternehmen künftig führen.

Es ist durchaus ein weiterer Karriereschritt für Kriwet, die gleichzeitig auch in den Vorstand des Großaktionärs Fresenius einzieht: Sie ist damit künftig eine von nur zwei weiblichen Vorstandsvorsitzenden im Dax-40 – neben Belén Garijo, die seit Mai 2021 den Pharmakonzern Merck führt. Noch immer sind Frauen an den Konzernspitzen rar. Kriwet setzt sich schon länger dafür ein, dass sich das ändert. Im vergangenen Jahr sagte sie der SZ, sie sei lange eine echte Gegnerin einer Frauenquote gewesen und wollte auch nie eine Quotenfrau sein. “Meine Hoffnungen von damals haben sich leider nicht erfüllt. Inzwischen ist eine Ernüchterung eingetreten. Das kann nicht so weitergehen”, fügte sie an. Deshalb habe sie ihre Meinung geändert. Im FMC-Vorstand sitzen übrigens bereits zwei weitere Frauen.

Kriwet hat bereits für Drägerwerk und Philips gearbeitet

Carla Kriwet hat nach dem Betriebswirtschaftsstudium bei einer Unternehmensberatung angefangen und dann bei Linde, bei Drägerwerk und Philips gearbeitet. Bei Philips war sie vor ihrem Wechsel zu BSH Mitglied des Konzernvorstands mit Sitz in Boston und hat unter anderem die Sparte Patientenüberwachung geleitet.

Mit Medizintechnik kennt sich Kriwet also sehr gut aus, der Wechsel ist sozusagen eine Rückkehr in ihr altes Geschäft. FMC machte zuletzt mit 123 000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von fast 18 Milliarden Euro Umsatz. Weltweit werden rund 345 000 Dialysepatienten betreut, Menschen also, die wegen einer Nierenerkrankung regelmäßig zur Blutreinigung müssen. Großaktionär von FMC ist der Dax-Konzern Fresenius. Der teilte zuletzt mit, man könne sich vorstellen, sich von der Beteiligung von gut 30 Prozent zu trennen. Wenn es ein “wirklich attraktives Angebot” gäbe, sei es seine Pflicht, dies zu prüfen, so Fresenius-Chef Stephan Sturm im Februar.

Fresenius Medical Care: Stephan Sturm, Vorstandsvorsitzender von Fresenius, kann sich einen Verkauf der Beteiligung an Fresenius Medical Care vorstellen.

Stephan Sturm, Vorstandsvorsitzender von Fresenius, kann sich einen Verkauf der Beteiligung an Fresenius Medical Care vorstellen.

(Foto: Jens Braune/dpa)

Kriwets Vater war einst Vorstandsvorsitzender des Düsseldorfer Stahlunternehmens Thyssen. Beim Abendbrot sei in ihrem Elternhaus nicht über Geschäftsstrategien diskutiert worden, erzählte sie einmal. Kriwet, die selbst drei Kinder hat, wurde mit vier Geschwistern groß. Zuhause habe immer eine “harte, aber herzliche” Diskussionskultur geherrscht. Übermäßiger Respekt vor wichtigen Managern sei ihr aber nicht gerade in die Wiege gelegt worden.

Kriwets Umgangsstil gilt als freundlich und partnerschaftlich. Personenkult liege ihr fern, sagt sie selbst. Nach ihrem Amtsantritt bei BSH hat sie regelmäßig sogenannte Hangout-Meetings ohne spezielle Agenda veranstaltet, da konnte sich virtuell jeder einschalten und Fragen stellen. So sei sie mit vielen Kollegen ins Gespräch gekommen, nicht nur mit Führungskräften, berichtete Kriwet. Kein Wunder, dass sie bei BSH, einer 100-prozentigen Tochter des Bosch-Konzerns, bedauern, dass Kriwet nach so kurzer Zeit wieder geht. Dort galt sie auch als Hoffnungsträgerin.

Reference-www.sueddeutsche.de

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