US-Airlines gehen die Piloten aus

US-Airlines gehen die Piloten aus

Der vergangene Montag war kein guter Tag für Robin Hayes. Der Chef der amerikanischen Fluggesellschaft Jet-Blue bekam einen Brief des Verwaltungsrates der Billigfluggesellschaft Spirit Airlines, in dem dieser ein finanziell äußerst attraktives Übernahmeangebot von Jet-Blue zurückwies. Das Gremium begründete die Entscheidung damit, dass die amerikanischen Wettbewerbsbehörden das Geschäft höchstwahrscheinlich sowieso ablehnen würden, das Risiko für die Investoren sei also nicht vertretbar.

Die Absage ist für Hayes aus mehreren Gründen misslich. Einer der wesentlichen: Er hatte gehofft, seiner Airline Zugang zu verschaffen zu einer viel größeren Gruppe von Piloten und diese bei Jet-Blue mit im Vergleich zu Spirit attraktiveren Arbeitsbedingungen und höheren Gehältern an das Unternehmen zu binden, um dort die vielen neuen Flugzeuge zu fliegen, die die Gesellschaft bestellt hat. Daraus wird nun voraussichtlich nichts, und so steht Jet-Blue wie die meisten anderen vor einem immer größeren Problem, einem massiven Mangel an Piloten.

Die Airlines in Nordamerika sind dem Rest der Welt deutlich voraus, wenn es um die Corona-Krise geht. Das Inlandsgeschäft nähert sich im Sommer branchenweit der Nachfrage von 2019 an, einzelne Fluggesellschaften liegen sogar schon über dem Vorkrisenniveau. In Europa erreichen die Airlines eher noch weniger als 80 Prozent. In Asien ist die Erholung viel weniger fortgeschritten, denn dort haben die Regierungen noch viele Reiserestriktionen behalten oder, wie in China, neue Lockdowns verordnet, die den Luftverkehr massiv betreffen. In Schanghai, Peking und Kanton sind zuletzt Tausende Flüge pro Tag ausgefallen, weil die Regierung die Ausbreitung der Omikron-Variante verhindern wollte.

In den USA sind die Wachstumsschmerzen, die die Branche vor der Pandemie geplagt haben, längst wieder zurück: Stundenlange Warteschlangen an den Einreiseschaltern, überfüllte Flughäfen, steigende Ticketpreise wegen der starken Nachfrage, Engpässe bei den Lieferanten von Ersatzteilen, und vor allem gibt es viel zu wenige Piloten. United Airlines-Chef Scott Kirby hat jüngst Zahlen dazu präsentiert: In einem normalen Jahr stellen die amerikanischen Fluggesellschaften rund 5000 neue Piloten ein, um das übliche langsame Wachstum von wenigen Prozent sowie Altersabgänge auszugleichen. Um die Flugpläne, die die Unternehmen bislang veröffentlicht haben, auch umsetzen zu können, müssten sie nach Kirbys Rechnung in diesem Jahr bis zu 13 000 Piloten rekrutieren und ähnlich viel in den nächsten Jahren.

Tausende Piloten sind vorzeitig in den Ruhestand gegangen

Warum? Klar, die Nachfrage ist wohl schneller zurückgekehrt, als die Branche das erwartet hat, und seit neuestem müssen die Passagiere dort sogar weder an Bord noch am Flughafen Masken tragen. Doch ein weiterer Faktor spielt eine große Rolle. In den vergangenen zwei Jahren haben 10 000 Piloten Angebote angenommen, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Die Fluggesellschaften waren auf dem Höhepunkt der Krise froh um jeden Piloten, den sie nicht mehr bezahlen mussten. Doch jetzt fehlen die Leute. Selbst Lufthansa, die noch lange nicht so viel fliegt wie 2019, musste die beliebten Abfindungsrunden abbrechen, weil sie sonst zu wenige Kapitäne gehabt hätte.

Zudem rächt sich, dass die Branche über Jahrzehnte viel zu wenig für die Diversität getan hat. Piloten sind immer noch in der weit überwiegenden Mehrheit weiß und männlich. Dass sie immer noch immer wieder leicht schräg angeschaut oder angesprochen werden, haben einige schwarze Frauen, die die Ausbildung zur Pilotin absolvieren, gerade eindrücklich der New York Times geschildert. Auf Kongressen und Podiumsdiskussionen wird das Thema Diversität seit Jahren in den Vordergrund gestellt, doch erst jetzt scheinen den Worten Taten zu folgen.

Denn die Folgen des Pilotenmangels für die Fluggesellschaften sind gravierend. “Die meisten Airlines werden schlicht und einfach nicht genügend Piloten haben, um ihre Kapazitätspläne umzusetzen”, prognostiziert Kirby. “Das wird sich mindestens in den nächsten fünf Jahren auch nicht ändern.” Jet-Blue, einer der größeren und damit attraktiveren Anbieter, wollte in diesem Jahr die Kapazität um bis zu 15 Prozent ausweiten. Doch Hayes kassierte das Ziel zuletzt und strebt nun zwischen null und fünf Prozent Wachstum an. Alaska Airlines, eine weitere mittelgroße Fluggesellschaft, musste zuletzt wieder Flüge für Juni aus dem Programm nehmen, weil sie nicht genügend Personal dafür findet.

Vor allem aber trifft es Regionalfluggesellschaften, die einen großen Teil der Zubringer zu den großen Drehkreuzen übernehmen. Ihre Piloten werden von United, Delta, American oder Southwest abgeworben. Die großen Airlines zahlen viel besser und bieten den Piloten die Perspektive, eines Tages auf Langstreckenjets wechseln zu können, auf denen sie in der Regel noch mehr Geld verdienen und die Welt kennenlernen können. Viele kleinere Städte und Flughäfen beklagen daher mitterweile, dass sie Verbindungen in die großen Zentren verlieren und sie damit auch in ihrer allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung gefährdet seien.

Traditionell haben sich die Fluggesellschaften auf private Flugschulen verlassen, die die Piloten ausbilden. Eigene Zentren waren eher die Ausnahme. Doch jetzt hat etwa United die ehemalige Lufthansa-Flugschule in Goodyear/Arizona übernommen, von dort soll wenigstens ein Teil der zwischen 2000 und 3000 Piloten kommen, die alleine der Lufthansa-Partner jährlich einstellen will. Auch Alaska hat eine eigene Schule eröffnet, um wenigstens mittelfristig bessere Perspektiven zu haben.

Reference-www.sueddeutsche.de

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