Dividenden: In Schieflage

Dividenden: In Schieflage

So sieht es also aus, wenn deutsche Unternehmen in die Krise geraten: Sie schütten an ihre Aktionäre in diesem Jahr eine Rekorddividende von rund 70 Milliarden Euro aus, fast 50 Prozent mehr als 2021. Es ist schwer zu glauben angesichts der Nachrichten, die sonst auf die Menschen einstürzen: Die Corona-Krise ist längst nicht vorbei, der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist eine menschliche Tragödie, er hat zudem massive ökonomische Folgen, treibt die Staatsverschuldung in die Höhe und schürt die Inflation. Es gibt kaum jemanden im Land, der davon nicht betroffen ist: Verbraucher, Steuerzahler, Arbeitnehmer, sie alle zahlen drauf.

Die deutschen Unternehmen aber schwimmen im Geld. Allein die 40 Aktiengesellschaften, die im Dax notiert sind, haben 2021 ihre Gewinne auf 170 Milliarden Euro verdoppelt, und einen guten Teil davon schütten sie nun an ihre Anteilseigner aus. Schon auf den ersten Blick wird klar, dass da etwas in Schieflage geraten ist. Es kann nicht sein, dass es einem kleinen Teil der Gesellschaft – den meist ohnehin schon wohlhabenden Aktionären – prächtig geht, während alle anderen leiden. Und es ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland immer größer wird. Deshalb ist es die Aufgabe der Politik, gegenzusteuern.

In Deutschland besitzen vor allem reiche Menschen Aktien

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es ist gut, dass es börsennotierte Unternehmen gibt. Aktiengesellschaften können einer breiten Öffentlichkeit ermöglichen, an ihren Gewinnen teilzuhaben, wenn ihr Wert und damit der Aktienkurs steigt oder wenn sie Dividende ausschütten. Im Idealfall machen sie damit die gesamte Gesellschaft reicher. Voraussetzung dafür aber ist, dass es genügend Aktionäre gibt.

Leider hapert es daran in Deutschland nach wie vor. Auch wenn die Zahl der Aktienbesitzer steigt, das Gros der Dividenden landet bei denen, die schon haben, es macht die Reichen noch reicher. Aktien und Immobilien waren die Krisengewinner der vergangenen Jahre. Mercedes-Benz schüttet in diesem Jahr 5,4 Milliarden Euro aus, die Allianz 4,4 Milliarden, BMW 3,8 Milliarden.

Was die Sache noch ärgerlicher macht: Eine Reihe der Unternehmen, die sich jetzt besonders großzügig zeigen, sind in der Corona-Krise von Steuer- und Beitragszahlern unterstützt worden, also von der Gesellschaft, zum Beispiel bei der Kurzarbeit. 46 Milliarden Euro hat die Bundesanstalt für Arbeit in der Pandemie dafür ausgegeben. Das Geld kam von allen Beitragszahlern, also auch von Erzieherinnen, Pflegern oder Supermarktkassiererinnen. Die Dividenden fließen jetzt aber nur an wenige. Man kann es so sehen, dass da eine Umverteilung von unten nach oben stattgefunden hat.

Die Unternehmen haben Deutschland viel zu verdanken

Die Unternehmen haben die Höhe ihrer Dividende meist vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine festgelegt, das ist ein mildernder Umstand. Manche mögen es inzwischen bereuen, dass sie nicht mehr Geld zurückgelegt haben, um sich für absehbar schwerere Zeiten zu wappnen. Andererseits sind sie bei manchen Dingen auch fein raus. Zum Beispiel bei der Inflation: Die meisten Unternehmen können die Preise erhöhen. Die ohnehin schon Benachteiligten haben keine Wahl: Sie müssen die höheren Preise bezahlen.

Wie man es dreht und wendet, es gibt in Deutschland eine gewaltige ökonomische Schieflage. Der Staat hat keinen Einfluss auf die Dividendenpolitik der Konzerne, aber er kann auf andere Weise steuernd eingreifen: über höhere Unternehmenssteuern und über eine Vermögensteuer. Vor einigen Jahren mag das noch sozialistisches Teufelszeug gewesen sein, inzwischen ist es ein probates Mittel, um einem gesellschaftlichen Missstand abzuhelfen.

Natürlich sollte all das mit Augenmaß geschehen. Niemand hat ein Interesse daran, die Konkurrenzfähigkeit deutscher Firmen zu beschädigen. Wer sich aber ihre Gewinn- und Dividendensituation anschaut, muss den Eindruck gewinnen: Da ist noch was zu holen, zum Wohle der Allgemeinheit. Das Land hat den Unternehmen viel zu verdanken. Aber die Unternehmen haben auch dem Land viel zu verdanken, und es ist an der Zeit, ihm etwas zurückzugeben.

Reference-www.sueddeutsche.de

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