E.Go und die große, grüne Show mit Neymar

E.Go und die große, grüne Show mit Neymar

Es ist 18.35 Uhr, als Neymar da Silva Santos Junior zum ersten Mal durch das Kraftwerk Berlin huscht. Umringt von seiner Entourage hat sich der Fußballspieler am Seiteneingang reingeschlichen, zügig geht er nun durch die alte Industriehalle – und weil im Vordergrund gerade Johannes B. Kerner und Oliver Pocher vor den Fotografen Fußball spielen, bemerkt die Weltöffentlichkeit erst zwei Minuten später, dass Neymar, teuerster Spieler der Fußballgeschichte, Stürmer bei Paris St. Germain und Nationalheld Brasiliens, an diesem Abend wirklich nach Berlin gekommen ist, um ein kleines Elektro-Stadtauto zu präsentieren.

Da nämlich betritt Neymar den grünen Teppich der Veranstaltung. Natürlich wird auch ihm sofort ein Fußball gereicht, es folgt ein kleiner Kick mit Kerner und dann eine beeindruckende Menge an Fotos, die überhaupt den ganzen Abend bestimmen werden: Neymar ist der Hingucker, jeder will ein Bild und die meisten bekommen es auch. In die Selfie-Schlange reihen sich zahlreiche Prominente ein, die Gästeliste der Veranstaltung reicht von Marius Müller-Westernhagen bis zu Erotik-Model Katja Krasavice und dem früheren DSDS-Gewinner Pietro Lombardi. Und ab und an ist auf der schier unendlichen Zahl an geschossenen Fotos mit oder ohne Neymar dann eben auch noch ein Auto im Hintergrund zu sehen.

Der kleine e.wave X des Elektroauto-Startups E.Go kann zwar nicht Fußball spielen, der Anlass, warum sich am Donnerstagabend zahlreiche Gäste und Prominente in der Berliner Köpenicker Straße eingefunden haben, ist er dennoch – zumindest offiziell. Klein, aber relativ breitbeinig und mit einem sehr rundlichen, freundlichen Gesicht ausgestattet ist das Auto. Und natürlich ist es grün. Vom Teppich über die Saalleuchten und die Tischdekoration bis zu den Drinks und Häppchen ist wirklich alles bei der E.Go-Präsentation in verschiedensten Grüntönen vorhanden, der Wagen leuchtet daher selbstverständlich auch in einem gelb-grünlichen Ton.

E.Go will bewusst anders auftreten als die großen Autokonzerne, da passen A-, B- und C-Sternchen eben alle gemeinsam ins Bild, die wohl keine glaubwürdigen Vertreter wären, würde es um die Neuauflage eines Familienkombis gehen. Atmosphärische Musik und dumpfe Beats begleiten daher die Veranstaltung, unterbrochen wird der Sound of Green nur für die feierliche Enthüllung. “Still D.R.E”, klassischer West-Coast-Hip-Hop also, wird eingespielt, als Moderator Kerner Ali Vezvaei auf die Bühne bittet, den Verwaltungsratschef und starken Mann bei E.Go. Ein passender Track: “Guess who’s back” lautet eine der Textzeilen aus dem Intro und in gewisser Weise ist es ja genau das, was E.Go mit seiner großen, grünen Show für ein kleines, grünes Auto vermitteln möchte: Die Wiedergeburt war erfolgreich, wir sind wieder da.

Im Frühjahr 2020 musste E.Go Insolvenz anmelden

Vor etwas mehr als zwei Jahren kreisten die Gedanken bei E.Go nämlich nicht um vegane Häppchen für eingeladene Models, sondern um wesentlich ernstere Themen. Am 2. April 2020 teilte die E.Go Mobile AG mit, sie habe einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung beantragt. Die Gründe dafür lagen in einer Kombination aus Lieferanten-Problemen, verfehlten Produktionszielen und einem gescheiterten Gemeinschaftsunternehmen mit einer chinesischen Firma, dazu kam im Frühjahr 2020 auch noch die Pandemie. Zu viel für ein kleines, mutiges Autounternehmen mit großen Zielen und einem visionären Gestalter: Die Insolvenz von E.Go bedeutete auch das Ende dieses Traums für Günther Schuh, der sich als Professor der RWTH Aachen einen Ruf als E-Auto-Pionier erarbeitet hatte.

Eine Sanierung kündigte Schuh dennoch einst mutig an. “Wir sind deutsche Ingenieure! Wir werden auch diese Krise überstehen”, sagte er damals – und behielt nur teilweise Recht. E.Go nämlich hat die Krise überstanden, Schuh allerdings ist nicht mehr ins operative Geschäft eingebunden. Stattdessen stieg Vezvaei mit seinem Private-Equity-Unternehmen “nd Group” aus den Niederlanden bei dem Autohersteller ein. Unter Vezvaei kam E.Go wieder in die Gänge: Die Produktion des Vorgängermodells e.wave X lief nach einer zwischenzeitlichen Fertigungspause wieder an, 2021 folgten zwei Finanzierungsrunden über 30 und 49 Millionen Euro. Die kurzfristige Kapitalversorgung für die Entwicklung des kleinen Stadtautos war somit abgesichert, nun wird sich zeigen, ob sich genug Käufer für das 25 000 Euro teure Basismodell finden.

Demnächst sollen zudem weitere Modelle auf Basis des e.wave X folgen, dem die Weiterentwicklung durchaus anzusehen ist: Da, wo das Vorgängermodell noch improvisiert wirkte, versucht das neue Modell modern zu sein. Die mechanische Handbremse etwa – einst pragmatisch eingebaut, um Kosten zu sparen – funktioniert nun elektrisch, der Innenraum wirkt wesentlich moderner und funktionaler. Der e.wave X erfüllt insofern die Mindeststandards für Autos seiner Preisklasse, das konnte man bislang nicht immer über die E.Go-Modelle sagen.

Trotz des globalen Anspruchs betont E.Go seine deutschen Wurzeln

Über Verkaufszahlen und einen möglichen Börsengang, der weiteres Kapital bringen könnte, wollte Vezvaei am Donnerstag allerdings nicht sprechen. Öffentlich erklärte er neben Kerner und Neymar nur die pathetische Mission des Auto-Herstellers, “die Welt zu einem besseren Platz für die Kinder zu machen”. Man sei aber trotz globalen Anspruchs immer noch ein deutsches Unternehmen und stolz darauf, “erfolgreich” ein kleines E-Auto in Deutschland zu bauen, sagte Vezvaei mit Grüßen an die Produktionsstätte in Aachen. Und in der Tat ist das mittlerweile speziell: E-Einstiegsmodelle für die Stadt sind nicht leicht zu finden, vor allem nicht zu vergleichsweise moderaten Preisen. Die Entscheidung, sich stattdessen im Luxussektor mehr auf große E-Autos zu konzentrieren, haben die großen Konzerne jedoch nicht aus einer Laune heraus, sondern aus Margen-Gründen getroffen, weshalb weiterhin offen ist, ob die E.Go-Idee funktionieren wird.

Die Pionierarbeit von Schuh, auf den auch ein Teil der Entwicklung des e.wave X zurückgeht, erwähnte der CEO übrigens in seiner Rede nicht. Vezvaei mutet trotz der Grüße nach Aachen eher als globaler Denker an, er betonte die Freundschaft zu Neymar und die Aussichten darauf, mit ihm als Testimonial für E-Mobilität zu werben. Neymar bestätigte auf Spanisch, für die Stadt sei das kleine Auto natürlich “bueno”, dann setzte er sich noch einmal für eine Stunde an seinen Platz und ließ sich fotografieren.

Zum Hauptgang war Neymar bereits aus der Halle verschwunden, zurück blieben der Spargel des teuersten Fußballspielers der Welt, zwei lange, grüne Tafeln und dazwischen das kleine E-Stadtauto, das sich weiterhin auf seinem Podest drehte. Immerhin hatte man darauf nun freien Blick, was auch Marius Müller-Westernhagen auf die Idee brachte, sich auf dem Weg nach draußen noch mit der Enthüllung des Abends, dem Auto, zu beschäftigen. Auf die Frage, wie er den Wagen denn finde, verwies Westernhagen nüchtern darauf, man müsse ihn schon erst einmal fahren, bevor man sich ein abschließendes Urteil bilden könne.

Eine wahre Aussage, die man ob des ganzen Drumherums schnell vergessen konnte: Am Ende nämlich wird die Frage, ob E.Go sich mit seinem kleinen E-Auto durchsetzen kann, nicht bei Finanzierungsrunden und auch sicher nicht von Neymar beantwortet – sondern auf der Straße.

Reference-www.sueddeutsche.de

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