DGB: Die Zukunft ist weiblich

DGB: Die Zukunft ist weiblich

Wenn sich deutsche Gewerkschafter alle vier Jahre zum großen Palaver treffen, nennen sie das “Parlament der Arbeit”. Dieser erhabene Titel ist gewagt, schleppt sich doch der Kongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) mitunter kleinteilig dahin. Diese Woche aber gelingt dem DGB durchaus Erhabenes, denn er hat mit Yasmin Fahimi erstmals eine Frau an die Spitze gewählt. Wer sich in der deutschen Wirtschaft umschaut, erkennt die Bedeutung sofort.

Keiner der vier großen Unternehmensverbände wird von einer Frau geführt. In den 40 Dax-Konzernen gibt es zwei weibliche Chefs, Quote: fünf Prozent. Im DGB-Vorstand sitzen jetzt drei Frauen, Quote: 75 Prozent. Klar hätte der Dachverband für acht Einzelgewerkschaften schon früher mal eine Chefin wählen können. Aber immerhin tut er es nun, während die Unternehmer über Gleichberechtigung nur reden. Rückt nächstes Jahr auch noch Christiane Benner an die Spitze der IG Metall, wird der Unterschied zur Unternehmenswelt riesig.

Natürlich erschöpft sich die Bedeutung von Yasmin Fahimis Wahl nicht darin, dass sie eine Frau ist. Das wäre ja schlimm. Auf die Qualifikation kommt es an, damit Deutschlands Arbeitnehmer etwas von dieser Personalie haben. Und so wie diese Frage bei vielen männlichen Führungsnieten gestellt werden sollte, darf man sie auch hier stellen: Kann es Fahimi? Wirklich wissen wird man das erst in ein paar Jahren. Klar ist aber, dass sie die relevanten Themen beackert hat, Erfahrung in der Politik mitbringt – und Schwung.

Da war schon war zu sehen, als die 54Jährige am Montag in weißen Turnschuhen auf die DGB-Bühne stürmte. Fahimi spricht klarer und mitreißender als mancher männliche Vorgänger. Das ist bitter nötig. Um bei Firmen und der Politik mehr für die Arbeitnehmer zu erreichen, müssen die Gewerkschaften aufhören zu schrumpfen.

Um Mitglieder zu werben, müssen sie mehr begeistern. Und dabei gezielt junge Menschen und generell Frauen ansprechen, was sie noch zu wenig schaffen. Während die weibliche Berufstätigkeitsquote in 30 Jahren von 57 auf 72 Prozent gestiegen ist, stagniert ihr Anteil an den Gewerkschaftsmitgliedern bei einem Drittel.

Die Politik sollte darauf achten, dass die Macht der Unternehmen nicht weiter auf Kosten der Gewerkschaften wächst

Es ist gar nicht so, dass die Arbeitnehmerorganisationen wenig erreichen. Wer einen gewerkschaftlich ausgehandelten Tariflohn bekommt, verdient deutlich mehr als ohne. Und auch weil die Gewerkschaften so auf Zuschüsse zur Kurzarbeit drängten, ging die Corona-Krise ohne Massenentlassungen vorbei. Nur verkaufen sie solche Erfolge schlecht.

Fairerweise muss man sagen, dass es auch der Wandel ist, der die Arbeitnehmerorganisationen schwächt. Die Macht der Unternehmen ist gewachsen. Die globale Konkurrenz macht Gewerkschafter genauso erpressbar wie es die wachsenden technischen Möglichkeiten tun, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Neue Jobs entstehen zunehmend bei Dienstleistern, die Beschäftigtenvertreter teils brutal ausgrenzen.

Darauf im Interesse der Beschäftigten zu antworten, ist für die Gewerkschaften gar nicht so einfach. Sie haben mehr Hilfe der Politik verdient. Die Bundesregierung kann Tariflöhne für allgemeinverbindlich erklären. Und bestrafen, wenn Manager Betriebsräte sabotieren – nur noch jede zehnte Firma hat so ein Gremium.

Die Chancen für politische Unterstützung steigen, weil nun ein SPDler das Kanzleramt besetzt. Und weil die neue DGB-Chefin Fahimi ein starkes Netzwerk in der Politik hat. Um wirklich mehr für die Arbeitnehmer zu erreichen, müssen die Gewerkschaften aber mehr an sich arbeiten. Beim Suchprozess für die DGB-Spitze beschädigten sie mehrere Kandidat(inn)en – und am Schluss auch Fahimi. Gerade die Großgewerkschaft Verdi sollte mal ihr Ego in den Griff kriegen.

Die Arbeitnehmer wünschen sich starke Unterstützung. Sie sind ausgelaugt durch Corona, getroffen durch Inflation, besorgt wegen des digitalen und ökologischen Wandels, der Jobs bedroht. Für die Beschäftigten da zu sein, ist gerade jetzt eine große Aufgabe für die Gewerkschaften. Man kann so eine Aufgabe aber auch total vergeigen.

Reference-www.sueddeutsche.de

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