Home-Office: Wie es ist, ganz ohne Büro zu arbeiten

Anders arbeiten

Die SZ-Serie “Anders arbeiten” erklärt, was Sie zum Thema Arbeitswelt der Zukunft wissen müssen, und zeigt auf, welche Unternehmen mit ihren Ideen Erfolg haben – oder auch nicht. Alle Folgen finden Sie auf dieser Überblicksseite.

Anja Hahn und ihr Team treffen sich alle paar Wochen an wechselnden Orten: im Restaurant oder Café, in angemieteten Räumen, auch mal im Wohnzimmer des Chefs oder auf den Spazierwegen an Elbe und Alster. Nur in ein Büro können sie nicht gehen, denn das hat ihr Arbeitgeber, das Beratungsunternehmen Doubleyuu, nicht mehr. Und das schon seit mehr als sechs Jahren, also lange vor der Pandemie. Damals nahm sich der Gründer und Geschäftsführer Willms Buhse ein Beispiel an Start-ups im Silicon Valley, die ihre Geschäftsräume auflösten, die Mitarbeiter ins Home-Office schickten und trotzdem weiterwuchsen.

Eine Fünftagewoche im Home-Office, 2015 noch revolutionär, ist seit Beginn der Pandemie für Millionen von Beschäftigten normal. Trotzdem kommt nach wie vor kaum ein Unternehmen ohne Geschäftsräume aus. Anja Hahn vermisst ihr altes Büro nicht. “Egal, wie toll ein Büro eingerichtet ist – nach einiger Zeit ist es nichts Besonderes mehr”, meint sie. Wenn man sich dagegen in einem schönen Innenhof und einer Galerie treffe, habe man oft auch andere Ideen. “Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine besondere Location tatsächlich etwas ausmacht, eine andere Dynamik in ein Meeting reinbringt. In einer Stadt wie Hamburg gibt es da unendliche Möglichkeiten.”

Auch gemeinsame Spaziergänge hätten sich bewährt. Im Gehen könne man manche beruflichen Themen einfach besser besprechen. Feedback-Gespräche seien dann zum Beispiel entspannter, als wenn man sich in einem Besprechungsraum gegenübersitzt. Alle paar Monate treffen sich alle festen und freien Mitarbeiter von Doubleyuu – seit der Umstellung ist ihre Zahl von 30 auf rund 140 gewachsen – bei einem Event. “Wir sind schon zusammen ins Konzert gegangen, haben in der Jugendherberge zusammen am Lagerfeuer gesessen und eine Bootstour auf der Elbe gemacht.”

“Nach einer Woche im Home-Office war ich überrascht, wieviel Zeit ich auf einmal hatte.”

Beratungen haben vergleichsweise gute Voraussetzungen für den Verzicht auf eigene Büroräume, weil die meisten Mitarbeiter ohnehin viel Zeit bei den Kunden verbringen. Anja Hahn saß früher aber jeden Tag im Büro in Altona. Seit ihrem Einstieg 2009 war die Betriebswirtin für sämtliche Verwaltungsaufgaben zuständig. Bei vielen Fragen kamen die Kollegen erst mal zu ihr. “Wenn irgendwo ein Telefon nicht ging, war es am Ende ich, die unter dem Schreibtisch saß und nach den Kabeln guckte”, erzählt sie. “Nach einer Woche im Home-Office war ich überrascht, wieviel Zeit ich auf einmal hatte. Abends war mein Schreibtisch leer, das kannte ich vorher gar nicht!”

Anders arbeiten: "Egal, wie toll ein Büro eingerichtet ist - nach einiger Zeit ist es nichts Besonderes mehr", sagt Anja Hahn.

“Egal, wie toll ein Büro eingerichtet ist – nach einiger Zeit ist es nichts Besonderes mehr”, sagt Anja Hahn.

(Foto: Double YUU)

Für Anja Hahn war die Umstellung deshalb auch die Chance, über die Rolle als gute Seele des Betriebs hinauszuwachsen und interessantere Aufgaben zu übernehmen. Heute ist sie als Leiterin des Projektbüros für die komplette Projektorganisation vom Angebot bis zum Controlling zuständig und für neue Kunden die erste Ansprechpartnerin. Doubleyuu berät Unternehmen vor allem zum Thema digitale Transformation.

Mit Buhse und einer direkten Kollegin hat die 45-Jährige täglich eine Videokonferenz, mit ihrem insgesamt dreiköpfigen Team dreimal pro Woche. In Kombination mit den eher seltenen physischen Treffen an unterschiedlichen Orten funktioniere das sehr gut, meint Anja Hahn. “Wir haben festgestellt, dass die Produktivität enorm steigt, wenn die Leute sich intensiv auf die Arbeit konzentrieren können, statt von morgens bis abends in Meetings zu sitzen”, ergänzt Willms Buhse, schränkt aber zugleich ein: “Diese Arbeitsweise ist nicht für jeden etwas. Man muss die Motivation haben, seine Zeit selbstverantwortlich zu strukturieren, und gern für sich allein arbeiten.”

Anders arbeiten: "Wir haben festgestellt, dass die Produktivität enorm steigt, wenn die Leute sich intensiv auf die Arbeit konzentrieren können, statt von morgens bis abends in Meetings zu sitzen", sagt Willms Buhse.

“Wir haben festgestellt, dass die Produktivität enorm steigt, wenn die Leute sich intensiv auf die Arbeit konzentrieren können, statt von morgens bis abends in Meetings zu sitzen”, sagt Willms Buhse.

(Foto: Double YUU)

Dass es auch von der Persönlichkeit abhängt, wie gut Arbeitnehmer im Homeoffice zurechtkommen, bestätigt der Arbeitspsychologe Hannes Zacher von der Universität Leipzig: “Eher introvertierte Menschen sind im Homeoffice zufriedener und fühlen sich weniger gestresst. Kollegen sind ja nicht immer nur unterstützend, sondern auch eine Quelle von Konflikten.” Sehr wichtig sei auch eine ausgeprägte Gewissenhaftigkeit und damit die Fähigkeit, sich selbst Ziele zu setzen und diese konsequent zu verfolgen. Im Umkehrschluss heißt das dann allerdings auch, dass das Arbeitsmodell von Doubleyuu nur Bewerberinnen und Bewerber mit einer bestimmten Persönlichkeit anzieht. “Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die das Modell abschrecken könnte”, meint Zacher.

Seit Ende 2019 befragt der Wissenschaftler jeden Monat rund tausend Beschäftigte aus verschiedenen Branchen zu ihrem physischen und psychischen Gesundheitszustand und ihrer Zufriedenheit im Job. Die Ergebnisse sind zwiespältig: Einerseits sind die Befragten im Durchschnitt “eher zufrieden” mit dem Home-Office, andererseits wuchsen besonders während der Lockdowns Gefühle der Einsamkeit und Isolation.

Zacher hält eine Mischung aus je zwei bis drei Wochentagen im Homeoffice und im Büro, wie sie viele Firmen derzeit anstreben, für die beste Lösung – besser also auch als Doubleyuus Modell des bürolosen Teams. Auch deshalb, weil die Heimarbeit sozioökonomische Unterschiede zwischen den Beschäftigten verschärfe. “Das Büro ist auch ein Gleichmacher!”, sagt Zacher. Wer eine große Familie hat, in einer WG oder an einer lauten Straße wohnt, kann auch mit der besten technischen Ausstattung nicht so gut arbeiten wie der Kollege im ruhigen und geräumigen Einfamilienhaus. Anja Hahn hat so eine ideale Arbeitsumgebung: Gerade die Abschaffung ihres Büros hat es für sie möglich gemacht, einen langgehegten Wunsch zu verwirklichen und aufs Land zu ziehen.

Gut gefällt Zacher das Konzept, Arbeitstreffen an besonderen Orten abzuhalten: “Wenn Büroflächen wegfallen, ist es umso wichtiger, das gesparte Geld in die Mitarbeiter zu investieren. Und wenn physische Treffen selten stattfinden, sollten sie so gestaltet werden, dass man sich darauf freut, die anderen wiederzusehen.” Allerdings bestehe bei Besprechungen im Restaurant oder gar in einem Wohnzimmer das Risiko, Arbeit und Privatleben zu vermischen. Auch hier komme es auf die Persönlichkeit an. “Das ist für Menschen geeignet, die Grenzen sehr gut managen können.” So schön das Modell auch klingen mag, man arbeite eben nicht mit Freunden. “Spätestens wenn es Konflikte gibt, wünschen sich viele, sie hätten vorher besser auf die Grenzen geachtet”, erklärt Zacher.

Nur im Home-Office zu arbeiten, ist wohl eher etwas für Spezialisten mit Berufserfahrung

Milena Bockstahler vom Fraunhofer-IAO forscht zur Zukunft des Büros – und hält es für sehr schwierig, darauf zu verzichten. Viele Beschäftigte legten schon aus Statusgründen Wert auf ein repräsentatives Bürogebäude. Noch wichtiger sei die Funktion des Büros als sozialer Kitt. “Ein fester Ort, an dem man die Kollegen trifft, macht es leichter, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu entwickeln und sich als Teil des Unternehmens zu verstehen.” Dass aktuell vielerorts die Mitarbeiterfluktuation steigt, hänge vermutlich mit dem Arbeiten im Home-Office während der Pandemie zusammen, meint Bockstahler. Daher glaubt sie nicht, dass viele Unternehmen dem Beispiel von Doubleyuu folgen werden: “Ein Büro ist auch so etwas wie ein Heimathafen.”

Anders arbeiten: Statt im Konferenzraum trifft sich das Team nun auch mal am Hamburger Elbstrand.

Statt im Konferenzraum trifft sich das Team nun auch mal am Hamburger Elbstrand.

(Foto: Double YUU)

Vor einer “Entgrenzung der Arbeit” durch Heimarbeit warnt Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO: “Der Arbeitsdruck ist im Home-Office keineswegs kleiner als im Büro und Pausen werden eher mal vergessen.” Anja Hahn ist sich dieser Risiken bewusst und sagt, dass sie damit umgehen könne. “Ich kann mich eigentlich gut strukturieren. Am Anfang musste ich aber lernen, abends das Licht im Arbeitszimmer auszumachen.” Dass sie Kollegen, die sie gut kennt, auch mal nach Hause einlädt, sieht sie nicht als Problem, es komme auch nur selten vor. “Und Kunden hatte ich noch nicht im Wohnzimmer sitzen.”

Seit 2020 befragt Josephine Hofmann Unternehmen zum Arbeiten in der Corona-Pandemie. Thema des im April veröffentlichten letzten Teils ihrer Studie ist “Das Unternehmen als sozialer Ort”. Knapp 50 Prozent der Befragten sehen demnach die Gefahr, dass das Interesse der Beschäftigten am sozialen Mitarbeiter und ihre Identifikation mit dem Unternehmen sinken könnten, wenn persönliche Begegnungen kaum noch stattfinden. “Je größer der Anteil der virtuellen Arbeit, desto mehr müssen sich die Führungskräfte anstrengen, um Begegnungen zu ermöglichen und das Miteinander im Team zu fördern”, erklärt Hofmann. Auf jeden Fall sei eine Fünftagewoche im Home-Office eher etwas für Spezialisten mit Berufserfahrung, die schon über ein gutes professionelles Netzwerk verfügen, als für Berufsanfänger.

Der größte Nachteil des Home-Office ist laut der Studie, dass die interne Vernetzung und der Wissensaustausch schlechter funktionieren. “Ideen und Inspirationen, die sich aus kurzen Gesprächen auf dem Flur oder in der Teeküche entwickeln, lassen sich nicht planen”, so Hofmann. Bei Doubleyuu habe sich die Kommunikation durch die neue Arbeitsweise nicht verschlechtert, meint dagegen Anja Hahn: “Es gab die Sorge, dass viele Dinge untergehen würden, weil die Leute nicht mehr mitbekommen, was links und rechts passiert. Tatsächlich geht heute aber weniger unter, weil alle bewusst kommunizieren.”

Reference-www.sueddeutsche.de

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