Avocado auf Halde

Am Wochenende hat Jan De Lai aus Yungaburra im Bundesstaat Queensland Australiens Avocado-Problem mit eigenen Augen gesehen. Auf der Öko-Müllhalde in Atherton entdeckte die Rentnerin eine ganze Berglandschaft aus verrottenden Avocados. Ausgerechnet Avocados, mit denen man allein schon wegen ihres hohen Wasserverbrauchs beim Anbau – je nach Standort bis zu 1000 Liter pro Kilo – sparsam umgehen sollte. Jan De Lai fand den Anblick “schockierend”, fertigte ein Video an, postete es auf Facebook und schrieb dazu: “Sicher hätte man sie als Tierfutter oder zur Herstellung von Öl verwenden können. Arme Bauern.”

Verschiedene Medien wie der Sender ABC griffen ihre Bilder auf. Und jetzt redet der Fachverband Avocados Australia (AA) nicht lange drumherum. Das Video sei tatsächlich schockierend, sagt Sprecherin Anna Petrou am Telefon: “Diese Menge.”

Es gibt zu viele Avocados in Australien. Deshalb gibt es auch zu viele Avocados mit Schäden wie Sonnenbrand, Druckstellen oder Insektenbefall, die dann zum Beispiel auf der Halde von Atherton landen, weil die Bauern sie weder verarbeiten können noch anderweitig loskriegen. Die Bilder erzählen vom Überfluss der Monokultur. Es ist eine interessante Entwicklung, wenn man bedenkt, welchen Stellenwert die Avocado in der australischen Gesellschaft vor Kurzem noch hatte.

Die Avocado ist ein Gewächs Mittelamerikas. Nach Australien kam sie erst 1840 und wurde als Vitaminspender und zuckerarme Energiequelle lange unterschätzt. Tatsächlich sind Avocados so gesund, dass manche Leute sie auf Rezept bekommen sollten. Nach dem britischen Gesundheitsportal Medical News Today senkt der regelmäßige Avocado-Verzehr das Risiko von Bluthochdruck, Herzkrankheit, Übergewicht, Diabetes, Depression, Krebs und einigem mehr. Der Verband AA hatte gute Argumente, als er vor zehn Jahren mit seiner Add-an-Avo-Everyday-Kampagne die Industrie stärken wollte.

Aus der Hipster-Frucht wurde Massenware

Die Avocado galt damals als eher elitäre Zutat. 2016 wurde sie sogar zum Symbol des Generationenkonflikts, als der Demograf Bernard Salt in der Zeitung The Australian schrieb: “Ich habe gesehen, wie junge Leute Avocado-Aufstrich mit Feta-Streuseln auf Fünfkorn-Toast für 22 Dollar bestellten. Ich kann mir das zum Mittagessen leisten, weil ich mittleren Alters bin und meine Familie versorgt habe. Aber wie können sich junge Leute das leisten.” Der Avocado-Verbraucher als verantwortungsloser Hipster – so klang das.

Aber mittlerweile ist Australiens Avocado ein billiges Massenprodukt. Laut AA produzierten australische Landwirte 2020/21 insgesamt 78 085 Tonnen Avocados im Wert von 563 Millionen Australien-Dollar (374 Millionen Euro), fast doppelt so viel wie 2009/10. Von den knapp 26 Millionen Bewohnern Australiens verzehrte jeder im Schnitt vier Kilo. Zu wenig. AA-Hauptgeschäftsführer John Tyas sagt: “Es war dieses Jahr hart für Bauern, ihre minderwertigen Früchte loszukriegen, wegen des aktuellen Überangebots von australischen Avocados.”

Was tun? AA will den Inlandsverbrauch steigern. Und den Export. Australien liegt als Avocado-Lieferant weit hinter Branchenführer Mexiko und vielen anderen, die an den nicht gerade umweltfreundlichen Plantagen gut verdienen. Weniger Avocados anzubauen, gehört demnach nicht zum Zukunftsplan. Im Gegenteil: Australiens Avocado-Produktion soll bis 2026 um jährlich 170 000 Tonnen wachsen. Ein kluger Trend? Selbst das Avocado-begeisterte Portal Medical News Today schreibt: “Wie bei allen Lebensmitteln kann Übertreibung zu unerwünschten Folgen führen.”

Reference-www.sueddeutsche.de

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