Die Negativzinsen sind nicht das Problem

Die Negativzinsen sind nicht das Problem

Das ist also der Moment, auf den die Mehrheit der Deutschen acht Jahre lang voller Sehnsucht gewartet hat: Im Sommer 2014 führte die Europäische Zentralbank (EZB) Negativzinsen ein. Sie verlangte von Banken, die bei ihr Geld parkten, Zinsen – anstatt ihnen welche zu zahlen, wie man es seit Jahrhunderten kannte. Im Laufe der Jahre gaben immer mehr Banken die Negativzinsen an ihre Kunden weiter. Zuletzt waren viele, egal ob Privat- oder Firmenkunden, persönlich davon betroffen. Es war eine Umkehrung aller Werte und ein Ärgernis ersten Ranges, das fast niemanden kalt ließ und auch die Gerichte beschäftigte.

Nun geht die Ära des Negativzinses zu Ende. Die Direktbank ING, eines der Institute mit den meisten Kunden in Deutschland, schafft ihn von Juli an faktisch ab. Andere Banken werden zügig folgen müssen, schon allein um keine Kunden zu verlieren. Eine der Folgen der verdrehten Zinswelt war, dass Banken Kunden im Grunde nicht mehr haben wollten. Wenn es nun positive Zinsen gibt, lässt sich mit Kunden wieder Geld verdienen. Und die Kunden selbst bekommen auch wieder Geld für ihr Erspartes. Alles wird scheinbar normal. Es ist der Moment, auf den viele gewartet haben.

Trotzdem gibt es für Bankkunden keinen Anlass zur Erleichterung oder gar zum Jubel. Denn im Grunde ist die Situation für sie heute schlimmer, als sie es in den acht Jahren zuvor war. Und sie wird auch schlimm bleiben, wenn die letzte Bank den Negativzins abgeschafft hat. Der Grund dafür lässt sich mit einem einzigen Wort umschreiben: Inflation. Die Preissteigerungsrate in Deutschland lag zuletzt bei 7,4 Prozent, und wie es aussieht, wird die hohe Inflation so schnell nicht verschwinden. Um sie zumindest etwas in den Griff zu kriegen, muss die EZB die Zinsen früher anheben als lange erwartet, wahrscheinlich ebenfalls im Juli. Im Vorgriff darauf schaffen die ersten Banken nun die Negativzinsen ab. Der Anlass für das Ende dieser seltsamen Geld-Ära ist also ein trauriger: Dass die Bundesbürger heute deutlich weniger im Geldbeutel haben als in den vergangenen Jahren.

Viele Banken haben mithilfe der EZB weiter gute Geschäfte gemacht

Eine simple Rechnung zeigt die Dimension des Problems: Die Inflationsrate lag in den Jahren vor 2021 lange durchschnittlich bei etwa einem Prozent. Wer auf sein Erspartes 0,5 Prozent Negativzins zahlen musste, dessen Geld verlor real – unter Berücksichtigung der Inflation – im Jahr 1,5 Prozent an Wert. Wenn nun der Negativzins wegfällt, die Inflationsrate übers Jahr wie von der Bundesbank erwartet aber bei sieben Prozent liegt, beträgt der Wertverlust eben diese sieben Prozent. Wahrlich kein Grund zum Jubeln für Bankkunden.

Für die Banken selbst, die über die Negativzinsen am lautesten geklagt haben, war die Situation dagegen gar nicht so schlimm. Viele haben daraus zuletzt sogar ein Geschäft gemacht, weil sie die Negativzinsen auf die Kunden umwälzten und nebenbei von der EZB Erleichterungen aus dem sogenannten TLTRO-Programm in Anspruch nahmen, das diese Belastungen ausgleichen sollte. Die Gewinnsituation gerade von Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken war besser als die Stimmung, die sie verbreiteten. Ihr Geschäftsmodell blieb intakt, und es wird auch nach Ende der Negativzins-Ära intakt bleiben.

Die wahren Verlierer der Geldpolitik der EZB waren und sind die Verbraucher. Sie mussten es vorher ertragen, dass die Banken die Negativzinsen auf sie umwälzten. Und jetzt müssen sie ertragen, dass die Inflation nie ausgeglichen werden wird, selbst wenn vor den Zinsen wieder ein positives Vorzeichen stehen sollte. Die Sorge der EZB und auch der Politik galt in den vergangenen Jahren eher den Banken. Man fürchtete darum, dass der Negativzins die Stabilität des Finanzsystems gefährden könnte. Jetzt zeigt sich, dass diese Sorgen unberechtigt waren. Die Finanzhäuser sind gut durchgekommen.

Nun muss es der Politik darum gehen, vor allem ärmeren Haushalten das Leben zu erleichtern – mit Zuschüssen für den täglichen Bedarf, mit höheren Sozialleistungen. Sie leiden am stärksten unter der hohen Preissteigerung. Die Probleme, die der Negativzins mit sich brachte, sind im Vergleich dazu klein.

Reference-www.sueddeutsche.de

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